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Börsen-Zeitung: Zurück ins Mittelalter?, Marktkommentar zum Brexit von Dieter Kuckelkorn

Am 23. Juni, so scheint es, entscheidet der
britische Wähler über die Zukunft Europas. Mit dem Brexit-Votum, so
legen jedenfalls die Kommentare vieler Politiker nahe, geht es nicht
nur darum, ob Großbritannien Mitglied der Europäischen Union (EU)
bleibt, sondern um viel mehr: Möglicherweise steht gar die Existenz
der EU auf dem Spiel. Und mancher prominente britische Brexit-Gegner
erweckt zumindest den Eindruck, dass Großbritannien im Fall des
Austritts wirtschaftlich quasi ins frühe Mittelalter zurückgeworfen
werden könnte.

Während die aktuellen Umfragen zeigen, dass sich der britische
Wähler von diesen düsteren Perspektiven nicht so recht beeinflussen
lässt, liegen an den Märkten die Nerven blank. Der Dax ist von mehr
als 10.300 Punkten unter die Marke von 9.500 Zählern gerutscht. Euro
und Pfund stehen unter Druck, während die Marktteilnehmer in sichere
Häfen wie Schweizer Franken und Yen fliehen. Investoren schichten in
großem Umfang von Aktien in Anleihen um. Bei Bundesanleihen ist
inzwischen die Rendite der gesamten Zinskurve bis einschließlich zehn
Jahren Laufzeit negativ, in der Schweiz ist sogar die Verzinsung der
30-jährigen Staatsanleihe ins Negative gerutscht.

Dabei wird befürchtet, dass ein Brexit noch nicht vollständig
eingepreist ist, zumal es gemäß den Umfragen, die noch immer eine
größere Zahl Unentschlossener ausweisen, auch durchaus zu einem Votum
für den Verbleib innerhalb der EU kommen könnte. Wenn das Ereignis
noch nicht ausreichend vorweggenommen ist, droht dann ein Armageddon
an den Märkten, falls die Briten wirklich der EU den Rücken kehren?

Die jüngsten Prognosen von Analysten zeigen jedenfalls Besorgnis.
Die Experten der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) weisen darauf
hin, dass klassische Angstindikatoren wie die implizite
Aktienvolatilität mit dem Näherrücken des Referendums sprunghaft
angestiegen sind. Der Pessimismus sei inzwischen ähnlich ausgeprägt
wie im Februar, als Wachstumsängste ihren vorläufigen Höhepunkt
erreicht hätten. Unterstellt man, dass Aktien einen möglichen Brexit
mit der gleichen Wahrscheinlichkeit von etwa 40 Prozent eingepreist
haben wie die Buchmacher in London, ergibt sich nach Ansicht der
Helaba-Experten für den Fall eines tatsächlichen Ausscheidens rein
rechnerisch für den Dax zunächst ein Rückschlagpotenzial bis in den
Bereich von 8.500 bis 8.000 Punkten. Die auf Risikomodelle
spezialisierte Research-Firma Axioma vertritt die Auffassung, dass
den europäischen Aktienmärkten ein Einbruch von 24 Prozent droht.

Die Ökonomen der Citigroup halten es für möglich, dass sich die
Flucht in Qualität weltweit zuspitzt, so dass selbst die Rendite
zehnjähriger US-Treasuries in negatives Terrain fallen könnte. Und
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker spricht gar von einer
längeren Phase großer Ungewissheit, die nicht nur Europa, sondern die
ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen werde.

Während im Fall eines Votums der britischen Wähler für einen
Brexit kurzfristig in der Tat mit heftigen Turbulenzen an den Märkten
gerechnet werden muss, ist es jedoch fraglich, ob diese länger
anhalten. So ist es nämlich keine ausgemachte Sache, dass es im Fall
einer Entscheidung für den Brexit zu einer echten ökonomischen
Trennung Großbritanniens von der EU kommt. Wahrscheinlicher ist, dass
ein Status für die Insel ausgehandelt wird, der dem Land die
wesentlichen ökonomischen Vorteile der EU-Mitgliedschaft erhält, so
dass nur das politische Mitspracherecht in Brüssel wegfällt bzw.
künftig hinter den Kulissen ausgeübt wird. Ausgeschlossen werden kann
auch nicht, dass das mehrheitlich für einen Verbleib in der EU
eintretende britische Parlament das Votum der Wähler – nach einer
Karenzzeit – schlicht ignoriert, zumal es rechtlich nicht bindend
ist.

Dies alles wissen natürlich auch die Akteure an den
Kapitalmärkten. Dass die Turbulenzen an den Märkten dennoch recht
deutlich ausgefallen sind, legt den Verdacht nahe, dass aktuell nicht
nur Brexit-Angst eine Rolle spielt. Offensichtlich machen sich viele
Marktteilnehmer – wie schon im Februar – wegen der sich eintrübenden
globalen Konjunkturaussichten erhebliche Sorgen. Diese Befürchtungen
dürften aber mittlerweile hinreichend eingepreist sein, so dass aus
dieser Perspektive den Märkten vorerst wenig zusätzliches Ungemach
droht. Wenn man dann noch davon ausgeht, dass die Marktteilnehmer die
Brexit-Katastrophenrhetorik eher kaltlässt, darf vermutet werden,
dass an den Kapitalmärkten die Juncker–sche Prophezeiung keine
Realität wird.

Pressekontakt:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069–2732-0
www.boersen-zeitung.de

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