Deutsche TV-Sender im Stresstest: Zuschauer wandern vom TV zum Streaming ab, aber die Sender sind für den Kampf mit Streaming-Anbietern nicht gut gerüstet (FOTO)

Deutsche TV-Sender im Stresstest: Zuschauer wandern vom TV zum Streaming ab, aber die Sender sind für den Kampf mit Streaming-Anbietern nicht gut gerüstet (FOTO)
 

Etwa ein Drittel des TV-Konsums wird in 10 Jahren zum Streaming
abwandern – bei jungen Zuschauern sogar zwei Drittel. Ergebnis sind
Verluste bei den linearen Werbeeinnahmen von bis zu 9 Milliarden Euro

– Deutsche Zuschauer verbringen heute bereits mehr Zeit mit
Netflix als mit jedem TV-Sender – bei den jungen entfallen 28
Prozent der Sehzeit auf Netflix

– Netflix wird in Sachen Inhalte, Image, Erlebnis und Vertrauen
weitaus besser bewertet als die Streaming- und TV-Angebote der
Sender

– bei jungen Zuschauern bis zu 50 Prozentpunkte Unterschied

– Disney hat Chancen, Platz 2 auf dem deutschen Streaming-Markt zu
erobern

Das klassische, lineare Fernsehen büßt in Deutschland immer mehr
an Strahlkraft und Relevanz ein. Die Studie „Quo Vadis, deutsche
Medien? Zur Zukunft deutscher Fernsehanbieter in digitalen
Streaming-Zeiten“ von Roland Berger und der Westfälischen
Wilhelms-Universität Münster zeigt, dass heute nur noch etwa die
Hälfte der Sehzeit in traditionelles TV fließt. Unter den einzelnen
Anbietern hat Netflix inzwischen die Pole-Position in Sachen Sehzeit
eingenommen und auch Amazon befindet sich unter den Top 5. Bei den 16
bis 29-Jährigen führt Netflix mit einem Anteil von knapp 30 Prozent
der gesamten Sehzeit, gefolgt von YouTube und Amazon.

Die Autoren der Studie berechnen, dass sich die Entwicklung vom
passiven TV zum aktiven Streaming in den kommenden 10 Jahren deutlich
fortsetzen wird und den TV-Sendern Zuschauerabwanderung und Verluste
bei den linearen Werbeeinnahmen in Milliardenhöhe drohen. Die Autoren
erwarten, dass den Sendern rund ein Drittel der Zuschauerzeit und
damit verbunden zwischen 4,5 und 8,8 Milliarden Euro in den kommenden
zehn Jahren verloren gehen. Zum Vergleich: In den vergangenen zehn
Jahren haben die beiden großen privaten TV-Häuser Werbeumsätze in
Höhe von gut 50 Milliarden Euro sowie Gesamtumsätze von knapp 90
Milliarden erwirtschaftet.

Die auf einer repräsentativen Umfrage unter 1.600 Personen in
Deutschland basierende Studie zeigt zudem, dass es den deutschen
TV-Sendern äußerst schwer fallen wird, diese Verluste beim
klassischen Fernsehen durch einen Zuwachs an eigenen
Streaming-Zuschauern auszugleichen: Denn die amerikanische
Streaming-Konkurrenz ist den deutschen Sendern meilenweit voraus, was
die Erfolgsfaktoren des Streaming betrifft.

In allen für den Erfolg bei deutschen Zuschauern wichtigen
Aspekten werden Netflix und Amazon von diesen weitaus besser
eingeschätzt als die Streaming- und auch TV-Angebote der hiesigen
Sender. Netflix führt bei den deutschen Zuschauern mit großem Abstand
sowohl in der Attraktivität der gezeigten Inhalte als auch in Sachen
Markensympathie, Seherlebnis und Kundenvertrauen. Das gilt
insbesondere, aber nicht nur für junge Zuschauer.

„Diese Ergebnisse sollten die Manager deutscher Fernsehanstalten
aufschrecken“, sagt Niko Herborg, Medienexperte von Roland Berger im
Competence Center Restructuring, Performance, Transformation &
Transaction. „Im Streaming-Bereich haben die Sender in den
vergangenen Jahren den Anschluss verloren: Amerikanische Dienste
dominieren heute den deutschen Markt – und gefährden in Zukunft das
Überleben der linearen TV-Sender.“

Neue Player verschärfen Kampf um die Zuschauer

Die Situation dürfte sich für die deutschen TV-Sender in den
kommenden Monaten zuspitzen, wenn weitere kapitalstarke amerikanische
Streaming-Anbieter auf den deutschen Markt drängen.

Die Studie verdeutlicht, dass insbesondere Disney, aber auch
Warner/HBO gute Chancen beim hiesigen Publikum haben. Insbesondere
die Eigenproduktionen der beiden Hollywood-Studios werden als sehr
attraktiv angesehen; bei Disney kommt eine ausgesprochen große
Markensympathie hinzu. Dazu Studienautor Prof. Dr. Thorsten
Hennig-Thurau, Professor für Marketing & Medien am Marketing Center
der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster: „Beide Konzerne
könnten Amazon ernsthafte Konkurrenz um den zweiten Platz im
Streaming-Rennen machen.“

Drei strategische Optionen für die Zukunft der TV-Sender

Die Verfasser der Studie skizzieren daher drei strategische
Optionen für das Überleben deutscher Medienhäuser in diesem
Marktumfeld. Diese werden auf jeden Fall radikale Veränderungen
vornehmen müssen, um im Wettlauf um den deutschen Zuschauer eine
Chance auf nennenswerte Streaming-Marktanteile zu haben. Dabei komme
außergewöhnlichen Inhalten eine herausragende Bedeutung zu, wobei es
nicht mehr reiche, besser zu sein als andere TV-Sender: „Netflix“, so
Hennig-Thurau, „ist in Sachen Content die neue Benchmark für
TV-Sender.“

Die vollständige Studie können Sie hier herunterladen:
www.rolandberger.de/pressemitteilungen

Marketing Center Münster (MCM) der Westfälischen
Wilhelms-Universität Das Marketing Center Münster (MCM) der
Westfälischen Wilhelms-Universität, gegründet 1969 von Prof. Dr. Dr.
h.c. Heribert Meffert, ist einer der führenden Think Tanks in der
Marketinglehre und -forschung. Das MCM beherbergt heute vier
Institute und sechs Professoren sowie rund 50 wissenschaftliche
Mitarbeiter.

Roland Berger

Roland Berger, 1967 gegründet, ist die einzige der weltweit
führenden Unternehmensberatungen mit deutscher Herkunft und
europäischen Wurzeln. Mit rund 2.400 Mitarbeitern in 35 Ländern ist
das Unternehmen in allen global wichtigen Märkten erfolgreich aktiv.
Die 52 Büros von Roland Berger befinden sich an zentralen
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