Ein bisschen Greta / Kommentar zu Klimapolitik und Kapitalismus von Claus Döring

Sind wir nicht alle ein bisschen Greta? Egal ob Politiker,
Notenbanker, Unternehmer oder Investoren? Auch diese Jahresschlussausgabe kommt
nicht an den Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit vorbei. Sie stellt sie sogar
in den Mittelpunkt. Dass sich das Thema Nachhaltigkeit wie ein roter Faden durch
diese Ausgabe zieht, hat freilich weniger mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg
zu tun. Denn über die Notwendigkeit nachhaltigen Wirtschaftens wurde bereits
leidenschaftlich debattiert, als die Protagonisten der
Fridays-for-Future-Bewegung noch gar nicht geboren waren. Mancher erinnert sich
vielleicht noch an die 1972 vom Club of Rome vorgestellten Thesen zu den Grenzen
des Wachstums oder an das davon inspirierte Buch des damaligen
CDU-Bundestagsabgeordneten Herbert Gruhl mit dem Titel “Ein Planet wird
geplündert”.

Was hat sich geändert seit damals? Der Kampf gegen den Klimawandel und gegen den
Raubbau an unseren natürlichen Lebensgrundlagen ist vom Randthema in die Mitte
der Gesellschaft gerückt. Jedenfalls in Deutschland und in Europa. Andernorts
werden die Fakten – noch – negiert. Doch den unverbindlichen Absichtserklärungen
des ersten Klimagipfels in Rio von 1992 sind inzwischen konkrete Zeitvorgaben
zur Klimaneutralität von Unternehmen, von Staaten, ja sogar von
Staatengemeinschaften wie der EU gefolgt. Nachhaltigkeit ist zum Megatrend
geworden, auch in der Finanzwelt.

Doch Klimaschutz ist nicht das alleinige gesellschaftliche Ziel, dem sich alles
andere unterzuordnen hätte, wie manche Populisten fordern. In der
pluralistischen Gesellschaft gibt es viele verschiedene, in Konflikt zueinander
stehende Ziele. Umso wichtiger sind Verfahren und Regeln, um diese Ziel- und
Interessenkonflikte zu lösen. Als wirkungsvollstes und effizientestes System
dafür hat sich immer noch der Markt erwiesen. Insofern ist es völlig
widersinnig, wenn Klimaaktivisten den Kapitalismus als Verursacher der
Umweltprobleme anprangern und dessen Beseitigung fordern.

Der Kapitalismus ist, richtig verstanden, der Schlüssel zur Lösung des
Klimaproblems. Denn jede gesellschaftliche Veränderung in der Dimension, wie sie
der Klimaschutz und die Dekarbonisierung der Wirtschaft darstellen, wird neben
Gewinnern auch viele Verlierer hervorbringen – unter den Ländern, den
Unternehmen, den einzelnen Bürgern. Eine marktwirtschaftliche Ordnung kann über
Anreize, sprich Preise diese Verluste so gering wie möglich halten und Verlierer
kompensieren, für Transparenz sorgen und Willkür weitgehend vermeiden. So wenig
das Ziel der sozialen Gerechtigkeit eine sozialistische Diktatur rechtfertigt
oder mit ihr zu erreichen wäre, so wenig rechtfertigt Umweltschutz eine
ökologische Diktatur.

Nachhaltiges Wirtschaften verlangt nicht nur nach einer darauf ausgerichteten
marktwirtschaftlichen Ordnung, sondern auch nach Unternehmern, deren Streben
über die reine Gewinnmaximierung hinausgeht. “Die Konzentration auf das
Nur-Ökonomische im überkommenen Sinn führt auf Dauer zu einer geistigen
Verengung … Der moderne Manager kann sich nicht dispensieren von den großen
politischen Auseinandersetzungen, dem Problem des Umweltschutzes, der
Entwicklungsländer, der Frage der Vermögensverteilung, der Dringlichkeit
öffentlicher Infrastrukturen.” Das Zitat von Alfred Herrhausen ist aus dem Jahr
1972, also gut 30 Jahre bevor Greta Thunberg auf die Welt kam. An Appellen hat
es nie gefehlt. Endlich folgen Taten. In der Politik, in den Unternehmen.

(Börsen-Zeitung, 31.12..2019)

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