Im Zeichen der Sustainability / Kommentar zu grünen und nachhaltigen Schuldtiteln von Kai Johannsen

Der Boom bei grünen und nachhaltigen Schuldtiteln (Green und
Sustainable Debt) ist mehr als beeindruckend. Das lässt sich an den jüngsten
Emissionsdaten ablesen. Gemäß Daten von Bloomberg New Energy Finance (BNEF)
kamen im vorigen Jahr nachhaltige Schuldpapiere für umgerechnet insgesamt 465
Mrd. Dollar auf den Markt. Das entspricht einer Steigerung von sage und schreibe
78% gegenüber 2018. Den Löwenanteil machen innerhalb der Kategorie Sustainable
Debt die grünen Schuldtitel aus, denn auf sie entfielen etwas mehr als 261 Mrd.
Dollar, also gut 56%. 2018 kam das sogenannte Green Debt noch auf ein Volumen
von 182 Mrd. Dollar.

So wünschenswert aus Klima- und Umweltsicht und unter Berücksichtigung der
Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (UN) eine Fortsetzung dieses Booms
mit derartigen Steigerungsraten in den Emissionsvolumina auch ist, wird der
Markt diese Zuwächse in den kommenden Jahren wohl kaum halten können. Dafür wird
allein schon der Basiseffekt sorgen. Aber eines ist vollkommen klar, Green und
Sustainable Finance ist aus den Kapitalmärkten rund um den Globus nicht mehr
wegzudenken.

Die Wichtigkeit dieses Themas ist schlichtweg zu hoch, und vor allem wird auf
all diejenigen Adressen, die diesen Aspekt bislang als kurzfristige
Modeerscheinung abgetan haben, ein Druck zum „Mitmachen“ entstehen. Wenn sich
immer mehr Institutionen wie Staaten, supranationale Adressen,
Gebietskörperschaften, Banken und Unternehmen grün und nachhaltig ausrichten und
genau das von Kunden und Investoren auch gefordert wird, entsteht ein
automatischer Anpassungsdruck, weil man sonst einfach den Anschluss verliert,
Kunden und Anleger schlichtweg zum Wettbewerber überlaufen.

Und so wird das Thema Sustainability an den Finanzmärkten großgeschrieben. Drei
Entwicklungen werden die Kapitalmärkte in dieser Hinsicht in diesem Jahr sehen.
Erstens: Es wird eine ganze Schar neuer Emittenten an den Markt kommen, und zwar
aus allen Emittentenlagern. Der Benchmark-Emittent von Staatsanleihen in der
Eurozone – der Bund – hat seine Debütemission der grünen Zwillingsanleihe als
Pendant zu den herkömmlichen Bunds für die zweite Jahreshälfte in den Plänen
vermerkt. Spanien hat im Januar angekündigt, sich diesem Trend anschließen zu
wollen. Andere Staaten werden folgen. Aber auch neue Banken werden dem Club
grüner und nachhaltiger Emittenten beitreten. Und was ebenfalls kommen wird,
ist, dass das Thema bei den Unternehmen enorm an Bedeutung gewinnt, sich
ebenfalls grün und nachhaltig auszurichten und die Finanzierung von
entsprechenden Projekten auf die Beine zu stellen.

Zweitens: Es wird nicht mehr reichen, einfach nur zu erklären, dass man mit ein
oder zwei grünen beziehungsweise nachhaltigen Anleihen auch Mitglied im
Sustainable-Debt-Club geworden ist. Die Institutionen werden das Thema vorleben
müssen: „Practice what you preach“ lautet die entsprechende Devise. Dies wird
aus zwei Gründen wichtig werden. Zum einen achten Bondanleger immer mehr darauf,
dass der Aspekt grün und nachhaltig auch vorgelebt wird. Der Emittent wird in
Zukunft sonst Probleme bekommen, seine grünen und nachhaltigen Anleihen am Markt
zu platzieren. Zum anderen werden auch Geschäftspartner, Kreditgeber,
Lieferanten, Kunden und nicht zuletzt Mitarbeiter einen Wandel zu Sustainability
einfordern. Dem kann man sich nicht versperren. Der Aspekt Sustainability wird
nicht zuletzt beim Kampf um qualifizierte (junge) Mitarbeiter immer wichtiger,
denn bei jüngeren Generationen hat er einen noch viel größeren Stellenwert als
bei den älteren Generationen.

Drittens, und dies betrifft die Zentralbanken: Wenn sich Banken und Finanzmärkte
immer stärker des Themas Green und Sustainable annehmen, kommen die Notenbanken
der Welt nicht darum herum, es ihnen gleichzutun. Denn Banken und Finanzmärkten
sind dann auch mit neuen Risikofaktoren konfrontiert, etwa in ihren künftigen
Geschäftsmodellen. Das können Zentralbanken nicht unberücksichtigt lassen. Und
sie selbst werden sich dieses Themas auch inhouse annehmen, so zum Beispiel bei
der Anlage von Pensionsgeldern. Bis dann auch Devisenreserven komplett grün und
nachhaltig angelegt sind, wird zugegebenermaßen noch ein Weilchen vergehen. Aber
in den QE-Portfolios ist Grün und Nachhaltig im Rahmen der durchgeführten Käufe
bereits reflektiert. 2020 wird das Jahr der Nachhaltigkeit (Sustainability) an
den Finanzmärkten.

(Börsen-Zeitung, 08.02.2020)

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