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Landeszeitung Lüneburg: Die unterschätzte Gefahr: Interview mit dem Biologen Dr. Sven Uthicke zur Meeresversauerung und dem Scheitern der Antarktiskonferenz

Bei der Untersuchung der Folgen des Klimawandels
und bei Vorhersagen über weitere mögliche Auswirkungen galt das
Augenmerk bisher vor allem der Erdoberfläche. Doch die durch die
steigende Kohlenstoffdioxid-Konzentration fortschreitende Versauerung
der Meere könnte noch gravierendere Folgen haben. Das gilt sowohl für
die marinen Tier- und Pflanzenarten als auch für die Auswirkungen auf
der Erdoberfläche. Denn im Meer lebende Einzeller binden
Kohlenstoffdioxid. Sterben sie ab, werden große Mengen des
Treibhausgases freigesetzt. Daher wird nun das Thema
Meeresversauerung stärker erforscht. ,,Es sind bereits Veränderungen
feststellbar“, sagt der Meeresbiologe Dr. Sven Uthicke im Gespräch
mit unserer Zeitung.

Herr Dr. Uthicke, Sie gehören zu den Forschern, die die
Auswirkungen der fortschreitenden Versauerung der Meere untersuchen
und waren bereits dreimal vor Neu Guinea. Was ist so besonders dort?

Dr. Sven Uthicke: In Neu Guinea haben wir drei Stellen entdeckt,
wo unterseeisches Kohlenstoffdioxid in geringer Meerestiefe aus dem
Boden austritt und auch entlang der Korallenriffe emporsteigt. Das
Wasser in diesen Bereichen kann einen pH-Wert von bis zu 7 haben,
während das Meerwasser sonst einen pH-Wert von rund 8 hat. Wir
konzentrieren uns an den drei Stellen auf Regionen mit pH-Werte von
rund 7,8. Ein solcher Wert wird Ende dieses Jahrhunderts erwartet.
Diese drei Stellen sind daher ein Spiegel in die Zukunft, in dem wir
schon heute entdecken können, wie das Leben in den Weltmeeren
aussieht, wenn die Versauerung der Meere so weitergeht wie bisher.
Die drei Stellen vor Neu Guinea mit hohem CO 2-Austritt haben wir mit
drei Kontrollgebieten ohne CO 2-Austritt verglichen.

Welche Auswirkungen des niedrigen pH-Wertes haben Sie dort
feststellen können?

Uthicke: Wir sind eine große Gruppe von Forschern, die sich mit
einer Reihe verschiedener Organismen befasst. Ein Schwerpunkt liegt
auf Korallen. Wir konnten zeigen, dass zwar einige Korallenarten
diese extremen Bedingungen überleben können. Es handelt sich aber nur
um vielleicht 10 bis 20 von insgesamt 500 Korallenarten, die weiter
existieren könnten. Die Diversität ist also extrem reduziert.
Allerdings gibt es auch einzelne Gruppen, die von einer Versauerung
profitieren: Algen und Seegräser. Wir arbeiten auch mit
Foraminiferen. Das sind kleine Einzeller, die wie Korallen
Carbonat-Gehäuse bauen müssen — und damit sehr anfällig sind für
unterschiedliche pH-Werte. Foraminiferen wird es noch schlechter
ergehen als Korallen. An den von uns untersuchten Stellen vor Neu
Guinea haben wir gar keine Foraminiferen mehr finden können.

Laut einer Studie lag der vorindustrielle pH-Wert des
oberflächennahen Meerwassers bei durchschnittlich 8,25. Nun ist es
durch die von Menschen verursachten Kohlenstoffdioxid-Emissionen nur
noch rund 8. Welche Folgen lassen sich heute schon bei marinen
Lebewesen feststellen?

Uthicke: Momentan sieht es so aus, dass zumindest in den
tropischen Gebieten ein Grenzwert noch nicht erreicht ist. Denn hier
findet man noch keine messbaren starken Unterschiede. Aber in allen
Regionen mit niedrigeren Wassertemperaturen sieht es anders aus. Sie
haben auch in der Antarktis geforscht. Welche Veränderungen sind dort
zu beobachten? Uthicke: In der Antarktis gibt es wegen der deutliche
geringeren Wassertemperatur jetzt schon ganz starke Effekte. Man kann
messen, dass Tierarten, die auf Kalzifizierung angewiesen sind,
wesentlich langsamer wachsen als noch vor 50 Jahren. Zudem gibt es
Sorgen, dass auch viele planktische Organismen jetzt schon wesentlich
langsamer wachsen als früher.

Wird der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid nicht reduziert, kann auch
die Krillpopulation rund um den Südpol zusammenbrechen, warnen
Forscher wie der Biologe So Kawaguchi. Was wären die Folgen?

Uthicke: Ich kenne die Studie nicht. Aber Krill ist der Grundstein
der Nahrungskette in der Antarktis. Würde die Krillpopulation
zusammenbrechen, hätte das weitreichende Konsequenzen bis hinauf zu
den größten Säugetieren der Erde, den Walen. Denn Wale ziehen auf
ihren Wegen durch die Meere in die Antarktis, um sich dort von Krill
zu ernähren.

Welchen Stellenwert hätte denn die Ausweisung eines großen
Meeresschutzgebietes in der Antartkis gehabt, die gerade bei der
Konferenz in Bremerhaven vor allem am Widerstand Russlands zumindest
vorerst gescheitert ist?

Uthicke: Generell ist die Einrichtung von Schutzzonen — wie zum
Beispiel bei uns am Barriereriff — wichtig für den Erhalt der
Diversität. Zwar können diese Zonen nicht direkt vor den Effekten des
Klimawandels schützen, aber wenn in Schutzzonen lokale Stressfaktoren
wie Überfischung und Eutrophierung verringert werden, könnten einige
Arten Zeit gewinnen und überleben, bis wir das Problem des
Klimawandels gelöst haben.

Beim Thema Klimawandel wurden bisher vor allem die Auswirkungen
auf die Atmosphäre und der Erdoberfläche beobachtet. Sind die
Auswirkungen auf die Meere durch die fortschreitende Versauerung
unterschätzt worden?

Uthicke: In Bezug auf die Meere wurden die Auswirkungen steigender
Wassertemperaturen natürlich schon untersucht. Es ist im Nachhinein
aber schwer zu sagen, ob die Effekte der Versauerung unterschätzt
wurden oder einfach nicht genug angeschaut wurden. Auf alle Fälle
wird durch unsere Studien und vieler anderer Forschungsergebnisse der
vergangenen zehn Jahre in naher Zukunft wesentlich besser
dokumentiert werden können, welche Folgen die Meeresversauerung haben
kann oder schon hat. Ich bin mir sicher, dass die Versauerung der
Meere ins Zentrum des Interesses geraten wird.

Ist die Versauerung reversibel und wenn ja, wie lange würde es
dauern, bis der Wert vor Beginn der Industrialisierung erreicht wäre?

Uthicke: Die Versauerung ist direkt abhängig von der CO 2
-Konzentration in der Atmosphäre. Sinkt diese Konzentration, könnte
in einigen Dekaden auch die Versauerung der Meere zurückgehen.
Allerdings gibt es derzeit kein Szenario von Wissenschaftlern, das
von einem signifikanten Sinken der CO 2 -Konzentration in der
Atmosphäre ausgeht.

Entgegen den Voraussagen der Forscher ist die Erderwärmung seit
mehr als zehn Jahren zum Stillstand gekommen. In Deutschland gibt es
immer mehr Experten, die sagen, man müsste alle Klimamodelle neu
berechnen und einige Stimmen, die sogar behaupten, dass es keinen
Klimawandel gibt. Teilen Sie diese Skepsis?

Uthicke: Nein, diese Skepsis teile ich eindeutig nicht, Die
Temperaturen sind in den vergangenen vier Jahrzehnten deutlich
angestiegen. Zwar hat es in den vergangenen zehn Jahren einen
Stillstand auf sehr hohem Niveau gegeben. Die Ursachen dafür sind
noch nicht geklärt. Und es bedarf vielleicht anderer oder
verbesserter Modelle, um diese Entwicklung besser erklären zu können.
Aber es ist auf keinen Fall ein Widerspruch zu vorigen Arbeiten und
widerlegt in keiner Weise, dass der menschliche Einfluss auf die
Atmosphäre groß ist und dass wir einen deutlichen Klimawandel haben.

Ist die Puffer-Funktion der Meere unterschätzt worden?

Uthicke: Das ist zumindest möglich. Denn die Meere nehmen
Temperatur und natürlich CO2 auf — und erweisen so dem
terrestrischen System einen großen Dienst. Wie stark dies Einfluss
auf den Temperaturanstieg hat und ob es die Hauptursache für die
momentane Stagnation des Temperaturanstiegs auf der Erdoberfläche
ist, muss aber noch besser untersucht werden.

Der Weltklimarat IPCC wird 2014 den fünften Sachstandsbericht
veröffentlichen. Sind Überraschungen absehbar und welchen Stellenwert
wird in dem Bericht die Versauerung der Meere bekommen?

Uthicke: Mit großen Überraschung dürfte nicht zu rechnen sein. Im
vierten Sachstandsbericht wurde die Versauerung zwar angesprochen,
nahm aber einen kleinen Stellenwert ein. Viele der Ratschläge, die
gegeben wurden, waren sehr spekulativ und es wurde darauf
hingewiesen, wie viel weitere Forschung noch nötig sei, um konkrete
Aussagen über die Auswirkungen der Versauerung der Meere auf die
einzelnen Organismen machen zu können. Mit unseren und den Studien
vieler Kollegen wissen wir langsam etwas mehr und können konkreter
sagen, was mit einzelnen Arten und einzelnen Ökosystemen passiert. Es
bleibt zu hoffen, dass ein wesentlich größerer Teil des fünften
Sachstandsberichts die Versauerung der Meere thematisiert.

Das Interview führte Werner Kolbe

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

Weitere Informationen unter:
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