neues deutschland: Kommentar zum Streit um die Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge

Wie lange ist das her? Fünf Wochen oder sechs? Seit einiger Zeit jedenfalls wird in der Europäischen Union schon darüber diskutiert, wie man unbegleitete Minderjährige aus den furchtbaren Flüchtlingslagern am Rande der EU herausholen kann. Tausende Kinder und Jugendliche ohne Familien soll es in diesen Camps geben, in denen nur eines reichlich vorhanden ist: blanke Not. Seit der türkische Präsident Erdoğan die Flüchtlinge wieder ganz unverhohlen als Druckmittel benutzt, wurden Stimmen laut, die eine Aufnahme der Minderjährigen in der EU verlangen. Kommunen bieten Plätze an, Politiker treffen Vereinbarungen, passiert ist – nichts. Europa ist gerade mit sich selbst beschäftigt und wendet gewaltige Summen auf, um seine Bevölkerung vor der Pandemie zu schützen. Das ist absolut dringlich, aber gemessen daran wäre es ein Klacks, pro Land endlich ein paar Hundert Kinder aufzunehmen, die hilflos buchstäblich im Dreck sitzen. Dort, wo die Flüchtlinge hausen, auf den griechischen Inseln, gibt es keine Isolation, keine Quarantäne, kein Abstandsgebot, keinen Schutz vor Gewalt. Statt den Minderjährigen zu helfen, feilschen die EU-Staaten; nur acht sind überhaupt bereit, etwas zu tun. Warum kann das reiche Deutschland nicht einfach den ersten Schritt gehen und wenigstens 400 oder 500 Kinder hierher holen? Viel ist in diesen Tagen von Solidarität die Rede. In den Ohren der Flüchtlinge kann das nur zynisch klingen.

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