Frankfurt am Main, 6. August 2026 – Der europäische Verteidigungssektor tritt in eine neue Phase tiefgreifender Transformation ein. Steigende geopolitische Spannungen, neue Sicherheitsanforderungen und der Druck zur schnellen Skalierung industrieller Kapazitäten führen dazu, dass Verteidigungsorganisationen ihre Ansätze in Entwicklung, Produktion, Instandhaltung und Betrieb grundlegend überdenken. Auf der MSC 2026 wurde deutlich, dass eine neue Ära beschleunigter Beschaffungsprozesse, KI-gestützter Fähigkeiten und einer engeren Zusammenarbeit zwischen Industrie und Regierungen begonnen hat. Die neue BearingPoint-Studie „Digitale Exzellenz für Europas Verteidigung“ zeigt, dass digitale Technologien dabei zu einem zentralen Enabler für Resilienz, Einsatzbereitschaft und technologische Souveränität werden. Gleichzeitig offenbart die Studie jedoch eine erhebliche Umsetzungslücke zwischen Anspruch und Realität.
Während 60 bis 70 Prozent der europäischen Führungskräfte aus der Luft- und Raumfahrt sowie der Verteidigungsindustrie bis 2028 einen hohen oder sehr hohen Einfluss der digitalen Transformation erwarten, geben lediglich 20 bis 30 Prozent an, bereits einen fortgeschrittenen digitalen Reifegrad erreicht zu haben. Auch im öffentlichen Verteidigungssektor sind die Ambitionen hoch: Die größten Digitalisierungspotenziale werden in den Bereichen Training & Simulation (34 Prozent) sowie Einsatzbereitschaft (32 Prozent) gesehen. Gleichzeitig bleiben digitale Reifegrade in Bereichen wie Beschaffung und Transparenz im Lieferantenökosystem weiterhin begrenzt.
„Um Resilienz zu stärken und technologische Souveränität zu sichern, müssen Verteidigungsorganisationen die digitale Transformation entlang der gesamten Wertschöpfungskette beschleunigen – von Entwicklung und Fertigung bis hin zu Instandhaltung und Logistik. Dabei müssen sie über isolierte Digitalinitiativen hinausgehen und einen integrierten Transformationsansatz verfolgen. Durch vernetzte Daten und digital eingebettete Kernprozesse können sie Effizienz, Resilienz und Entscheidungsqualität erheblich steigern“, kommentiert Manuel Schuler, Global Leader Automotive, Manufacturing & Defense bei BearingPoint.
Deutschland sieht großes Potenzial, kämpft aber mit den Grundlagen der Digitalisierung
Besonders ausgeprägt zeigt sich diese Entwicklung in Deutschland. Unternehmen der Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungsindustrie erwarten deutlich häufiger als ihre europäischen Wettbewerber positive Auswirkungen digitaler Technologien auf ihre operative Leistungsfähigkeit. 86 Prozent gehen von hohen bis sehr hohen Effekten in Produktion, Instandhaltung und Lieferkettenmanagement aus und liegen damit deutlich über dem europäischen Durchschnitt von 60 Prozent. Gleichzeitig offenbart sich eine erhebliche digitale Umsetzungslücke: Nur rund ein Drittel der Prozesse ist heute vollständig vernetzt und datengetrieben.
Ein wesentlicher Grund dafür liegt im technologischen Fundament vieler Organisationen. Lediglich zehn Prozent der deutschen Unternehmen verfügen über eine vollständig integrierte intelligente Datenarchitektur, während 38 Prozent weiterhin mit fragmentierten Systemlandschaften arbeiten. Gleichzeitig nennen deutsche Entscheider:innen Budgetrestriktionen (34 Prozent) sowie den Mangel an Digital-, KI- und Datenkompetenzen (31 Prozent) als größte Hemmnisse ihrer Transformationsvorhaben. Beide Werte liegen über dem europäischen Durchschnitt von jeweils 26 Prozent.
Die Investitionsprioritäten der kommenden Jahre spiegeln diese Ausgangslage wider. Deutsche Unternehmen setzen ihren Schwerpunkt vor allem auf die vernetzte Fabrik beziehungsweise Smart Manufacturing (21 Prozent), bereichsübergreifende Datenplattformen (17 Prozent) sowie digitale Zwillinge (17 Prozent). Künstliche Intelligenz und prädiktive Analytik rangieren dagegen mit lediglich sieben Prozent deutlich hinter dem europäischen Durchschnitt von 21 Prozent. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass viele Unternehmen zunächst die Voraussetzungen schaffen wollen, um digitale Technologien später erfolgreich und skalierbar einsetzen zu können.
„Die entscheidende Frage für die deutsche Verteidigungsindustrie lautet heute nicht, ob KI eingesetzt werden soll, sondern ob die Voraussetzungen für deren wirksame Skalierung überhaupt vorhanden sind. Unsere Ergebnisse zeigen, dass viele Unternehmen deshalb zunächst in die Digitalisierung ihrer industriellen Basis investieren. Das ist aus unserer Sicht kein Zeichen technologischer Zurückhaltung, sondern vielmehr Ausdruck strategischer Weitsicht: Ohne integrierte Daten und vernetzte Prozesse wird die notwendige industrielle Skalierung nicht gelingen“, erläutert Sven Gehrmann, Partner bei BearingPoint.
Datensilos und Cyberresilienz prägen die Herausforderungen im öffentlichen Verteidigungssektor
Auch im öffentlichen Verteidigungssektor in Deutschland wird deutlich, dass digitale Transformation vor allem an grundlegenden strukturellen Voraussetzungen scheitert. Fragmentierte Datensilos werden von 44 Prozent der deutschen Organisationen als größte Hürde genannt und damit deutlich häufiger als im europäischen Durchschnitt von 32 Prozent. Gleichzeitig zählen bereichsübergreifende Datenplattformen mit lediglich 13 Prozent nur selten zu den priorisierten Investitionsfeldern. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Modernisierung und Vernetzung bestehender Datenbestände vielfach noch hinter ihrer strategischen Bedeutung zurückbleiben.
Parallel dazu entwickelt sich Cyberresilienz zunehmend zur Voraussetzung digitaler Souveränität. Zwar haben 35 Prozent der Organisationen im öffentlichen Verteidigungssektor in Deutschland Cybersicherheit in den vergangenen zwei Jahren als Investitionsschwerpunkt priorisiert und 29 Prozent wollen diesen Fokus beibehalten. Gleichzeitig verfügen bislang nur 13 Prozent über fortgeschrittene, KI-gestützte oder echtzeitfähige Abwehrmechanismen. Die Studie zeigt damit, dass die sichere Nutzung daten- und KI-gestützter Fähigkeiten künftig wesentlich von einer belastbaren Datenbasis und resilienten digitalen Infrastrukturen abhängen wird.
„In einem zunehmend unsicheren geopolitischen Umfeld wird die digitale Transformation zu einer tragenden Säule der europäischen Verteidigungsresilienz. Die Schließung der Umsetzungslücke erfordert eine koordinierte Transformation im gesamten Ökosystem – Industrie und Regierung gemeinsam“, erklärt Reinhard Geigenfeind, Globaler Leiter Public & Health Services bei BearingPoint.
Über die Studie
Die Studie „Digitale Exzellenz für Europas Verteidigung“ untersucht, wie digitale Technologien das europäische Verteidigungsökosystem verändern und welche Chancen sowie Herausforderungen sich bei der Beschleunigung der digitalen Transformation ergeben.
Grundlage der Analyse ist eine Befragung von insgesamt 151 Führungskräften, davon 101 aus der Luft? und Raumfahrt sowie der Verteidigungsindustrie und 50 aus öffentlichen Verteidigungsorganisationen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stammen aus Deutschland, Frankreich, dem Vereinigten Königreich, Italien, Schweden und Finnland und verantworten in ihren Organisationen Bereiche wie digitale Transformation, Technologie, Betrieb und Strategie. Ergänzt wurde die Datenerhebung durch Experteneinschätzungen sowie durch die Projekterfahrung von BearingPoint in europäischen Verteidigungs- und Industrieumfeldern.