Rekordflut am Bondmarkt / Kommentar zur hohen Nachfrage nach Anleihen von Kai Johannsen

Auf dem diesjährigen Global Funding and Financing Summit (GFF)
der Deutschen Börse Group in Luxemburg wurde Mick Chadwick, Head of Securities
Funding bei Aviva Investors, auf einem Panel zu Funding-Aktivitäten gefragt, was
für ihn das bestimmende Thema an den Funding-Märkten 2019 gewesen ist. Das war
für Chadwick die üppige Liquidität, und wie billig diese war. Das habe die
Beschaffer von Liquidität gefreut, die Bereitsteller der Liquidität dagegen
weniger, da die Konditionen nicht so attraktiv waren. Beim Blick auf die
Bondmärkte zur gleichen Zeit der Diskussionsrunde konnte man sich nicht des
Eindrucks erwehren, dass Chadwicks Feststellung für 2019 wohl auch die Richtung
für 2020 weist. Wer Liquidität braucht, kann aus dem Vollen schöpfen und sie zum
Null- oder Negativtarif einbuchen. Die Investoren stehen Schlange, um Orders
abzuliefern, so dass man fast schon den Eindruck hat, sie lieben die Konditionen
ebenfalls.

Gleich zu Beginn des Jahres gab es in der ersten kompletten Handelswoche den
ersten Rekord zu vermelden. Am Mittwoch besagter Woche gab es nach Daten von
Informa Global Markets (IGM) mit 29,45 Mrd. Euro den emissionsstärksten Tag an
Euro denominierten Anleihen aller Emittentenkategorien (Staaten, Supras, Banken,
Unternehmen etc). Laut IGM-Daten wurde es mit 79,3 Mrd. Euro auch die
emissionsstärkste Woche. Und seinerzeit war so mancher gespannt, ob es denn auch
der Rekordmonat werden würde. Das wurde er: Bereits am Dienstag der gerade
abgelaufenen Woche war es so weit. Die Rekordmarke vom Januar 2019 wurde
geknackt. Die im Euro emittierten Anleihen erreichten laut IGM ein Volumen von
188,958 Mrd. Euro und übertrafen damit das Volumen von Januar 2019 (187,365 Mrd.
Euro). Letzten Endes kamen dieses Jahr auf Euro lautende Anleihen im Umfang von
bereits mehr als 200 Mrd. Euro.

Die Investoren stehen am Anleiheprimärmarkt geradezu Schlange, um ihre Orders
abzuliefern, so dass die Orderbücher schon regelmäßig aus allen Nähten platzten.
Rekordorderbücher prägen die Schlagzeilen, und zwar so sehr, dass es einem
schwerfällt, den Überblick über alle Rekorde zu behalten. In der gerade
abgelaufenen Woche waren es Österreich und Frankreich, die mit ihren Anleihen
eine Rekordnachfrage erzielten. Zuvor meldeten das auch schon andere Staaten wie
etwa Spanien. Und der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) erzielte mit
einer 30-jährigen Anleihe ebenfalls eine Rekordnachfrage. Bekannt ist, dass zum
Jahresanfang immer viel neues Geld zur Anlage an die Märkte drängt. Das war auch
schon in den Vorjahren so. Aber dieses Jahr wird der Markt geradezu geflutet –
mit Anleihen und mit Geld.

Rund die Hälfte der europäischen Staatsanleihen rentiert derzeit im
Minusbereich. Das freut viele Emittenten natürlich. Eila Kreivi, Funding-Chefin
der Europäischen Investitionsbank (EIB), der Bank der EU, macht aber auch darauf
aufmerksam, dass man erst noch sehen muss, wie viele Bonds man bei welchen
Negativlevels noch absetzen kann. Das ist deutlich für eine doch eher
zurückhaltende Institution wie die EIB.

Und damit stellt sich auch die Frage, wann Investoren endgültig von diesem
Zinsumfeld die Nase voll haben und sich nach lukrativen Alternativen umsehen.
Auf dem GFF machte etwa der für seine treffsicheren Markteinschätzungen bekannte
Christoph Rieger, Head des Zins- und Credit-Research bei der Commerzbank, darauf
aufmerksam, dass die ersten deutschen Adressen damit begonnen hätten, verstärkt
in US-Treasuries zu gehen, und zwar ungesichert. Die Renditen sind dort zwar
nicht üppig, aber lukrativer als vielerorts in Europa.

(Börsen-Zeitung, 01.02.2020)

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