
Der Direktor der Kinderklinik an der Uniklinik Köln, Jörg Dötsch, hat mit Bestürzung auf die Aussagen von US-Präsident Donald Trump zu Kinderimpfungen reagiert. „Diese Aussage ist schlicht und ergreifend überholt“, sagte Dötsch dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Mittwoch-Ausgabe) mit Blick auf Trumps wiederholte Andeutung, Impfungen könnten mit Autismus zusammenhängen. Trump hat am Montag im Beisein seines umstrittenen Gesundheitsministers Robert F. Kennedy Jr. per Dekret eine Änderung der Impfpolitik für Kinder in den USA verfügt. Seine Regierung will künftig nur noch Impfungen gegen elf Krankheiten als zentrale Empfehlungen für alle Kinder anerkennen.
Problematisch findet Dötsch auch Trumps Forderung, den kombinierten Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln aufzuteilen. Zusammen könnten die Impfstoffe möglicherweise „ziemlich tödlich“ sein, sagte Trump, ohne Belege dafür anzuführen. Dötsch sagte dazu, auch diese Aussage Trumps beruhe auf den Annahmen der längst widerlegten Studie. Bekannt sei dagegen die Gefahr von Masern. „Wir wissen genau, dass Masern für eine ganze Reihe von Todesfällen bei Kindern verantwortlich sind, die durch eine Impfung verhindert werden können“, sagte er.
Die Zahl der Maserninfektionen hat in den USA den höchsten Stand seit Jahrzehnten erreicht. Dabei galt die Krankheit dort im Jahr 2000 als besiegt. „Die steigende Zahl von Masern-Toten in den USA sollte wirklich jede Partei in Deutschland ein warnendes Beispiel sein“, sagt Dötsch mit Blick auf die in den Umfragen immer beliebter werdenden AfD, deren Parteimitglieder in der Corona-Pandemie durch Impfskepsis aufgefallen waren.
Insgesamt gelte, dass das deutsche Gesundheitssystem mit dem amerikanischen nicht gut zu vergleichen sei, so Jörg Dötsch. „Deswegen würde ich den Eltern hier immer raten, sich nach dem zu richten, was die Ständige Impfkommission sagt – und nicht nach dem, was Donald Trump sagt.“
Das gesamte Interview im Wortlaut:
Herr Dötsch, US-Präsident Donald Trump hat am Montag ein Dekret mit neuen Impfempfehlungen für Kinder unterzeichnet. Während der Pressekonferenz hat er mehrfach einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus suggeriert. Wie bewerten Sie das?
Die Sorge, dass insbesondere die Masern-Mumps-Röteln-Impfung Autismus verursacht, kam ursprünglich durch eine medizinische Publikation im Jahr 1998, die später aber durch die Zeitschrift zurückgezogen wurde, weil sie zu viele Fehler enthielt. Man hat dann große Studien nicht nur mit zwölf, sondern Tausenden von Kindern gemacht, wo man überhaupt keinen Zusammenhang gefunden hat zwischen Autismus und Impfungen. Diese Aussage ist schlicht und ergreifend überholt. Dagegen wissen wir genau, dass Masern für eine ganze Reihe von Todesfällen bei Kindern verantwortlich sind, die durch eine Impfung verhindert werden können. Leider gibt es in den USA wieder steigende Todesfälle durch Masern.
Trump hat zudem gefordert, den kombinierten MMR-Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln, den es auch in Deutschland gibt, künftig in Einzelimpfungen zu verabreichen, da die Impfstoffe zusammen „ziemlich tödlich“ sein könnten. Was ist dran an der Behauptung?
Auch diese Aussage von Trump beruht auf den Annahmen der längst widerlegten gleichen Studie.
In den USA ist die Zahl der Impfskeptiker gestiegen, der amtierende Gesundheitsminister Robert F. Kennedy befeuert ihre Sichtweisen. Haben Sie Sorge, dass derart prominente politische Äußerungen in den USA auch hierzulande die Impfskepsis befeuern?
Insgesamt geht man bei uns in Deutschland davon aus, dass etwa 70 bis 75 Prozent aller Menschen Impfungen bejahen, 20 Prozent etwas zurückhaltend, aber nicht per se Gegner von Impfungen sind. Bei etwa fünf Prozent geht man davon aus, dass sie echte Skeptiker sind. Diese Zahlen sind über die letzten Jahrzehnte relativ konstant geblieben. Darum halte ich die Sorge für unbegründet. Im Übrigen ist weder das Gesundheitssystem noch das Impfsystem der USA gut mit unserem zu vergleichen. Deswegen würde ich den Eltern hier immer raten, sich nach dem zu richten, was die Ständige Impfkommission sagt – und nicht nach dem, was Donald Trump sagt.
Ist das neue Impfdekret für Kinder eine weitere traurige Volte der Gesundheitspolitik in Amerika, die zunehmend nicht mehr auf wissenschaftlichen Fakten basiert?
Ich bin kein Politiker, kann aber nur empfehlen, die Entscheidungen, die man für seine Kinder trifft, bitte nicht davon zu abhängig machen, was in den USA zum Ausdruck gebracht wird. Wichtiger ist es, dass man versteht, warum es für unser Land eine spezifische Empfehlung gibt. Wir haben ein sehr liberales demokratisches System, das viele Rechte bei den Menschen, bei den Eltern und auch bei Kranken sieht. Darauf speziell adaptiert sind unsere Stiko-Empfehlungen. Bis auf die Masern-Impfpflicht sind das auch alles nur Empfehlungen.
Im US-Dekret wird dazu aufgerufen, den Abstand zwischen verabreichten Impfungen zu vergrößern. Da könnten sich Eltern in Deutschland jetzt fragen: Ist der Abstand zwischen den Impfungen bei uns denn zu klein?
In Deutschland erhält man durch den Kinderarzt in der Praxis seines Vertrauens sehr fachkundige Beratung vor der Impfung. Der Kinderarzt bespricht mit den Eltern, wann und ob es sinnvoll sein kann, mit einer Impfung etwas zu warten oder einen Impfzeitraum aus sehr individuellen Gründen noch ein wenig zu strecken. Das sollte der Maßstab sein.
Mit dem Aufstieg des Populismus entscheiden sich Politiker weltweit zunehmend gegen wissenschaftsbasierte Entscheidungen, auch in der Gesundheitspolitik. Wie blicken Sie darauf?
In Deutschland dürfen und sollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler explizit teilhaben an den politischen Entscheidungsprozessen. Natürlich muss eine politische Entscheidung noch viel mehr Aspekte berücksichtigen als allein die wissenschaftliche Seite. Aber die deutsche Bundesregierung und auch die Landesregierungen haben immer empfohlen, sich von Wissenschaftlern beraten zu lassen. Dafür bin ich nicht nur dankbar, das ist eine Errungenschaft, die uns auch ein bisschen stolz machen kann.
Künftig könnte aber die AfD in einigen Bundesländern eine politische Mehrheit haben, die ebenfalls für Impfskepsis steht, was in der Pandemie deutlich wurde. Ist das Thema dann wirklich noch so weit weg von der Politik in Deutschland?
Ich kann jeder regierenden Partei nur empfehlen, sich eng mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern abzustimmen, um das Vertrauen der Bevölkerung zu erhalten und keine schlecht abgesicherten Entscheidungen zu treffen. Alles andere würde zu großen Enttäuschungen führen. Die steigende Zahl von Masern-Toten in den USA sollte wirklich jeder Partei in Deutschland ein warnendes Beispiel sein.
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