Studie zum Weltfrauentag: Deutsche sehen Männer immer noch im Vorteil

Auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit
bestehen nach wie vor große Hürden, so die einhellige Meinung eines
Großteils der Bevölkerung. Gleichzeitig spielen
gleichstellungspolitische Fragestellungen im Leben der Bundesbürger
eine schwindende Rolle. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Markt-
und Meinungsforschungsinstituts Ipsos, die anlässlich des
Weltfrauentags in Zusammenarbeit mit dem »International Women–s Day«
und dem »Global Institute for Women–s Leadership« durchgeführt wurde.
In 27 Ländern wurden hierfür mehr als 18.000 Personen nach ihren
Einstellungen in Sachen Gleichstellung befragt.

Männer genießen auch heute noch viele Vorteile

Fast jeder zweite Deutsche (44%) glaubt, dass es auch in der
heutigen Zeit noch von Vorteil ist, ein Mann zu sein. Im
Umkehrschluss ist gerade einmal jeder Zehnte (12%) der Überzeugung,
dass es in Deutschland insgesamt vorteilhafter ist, eine Frau zu
sein. Rund drei von zehn Personen (28%) denken, dass es hierzulande
kaum einen Unterschied macht, zu welchem Geschlecht man gehört. In
vielen anderen Regionen der Welt sehen die Menschen im Mann-Sein
sogar noch mehr Vorteile: Vor allem in lateinamerikanischen Ländern
wie Chile (72%), Kolumbien (64%) oder Argentinien (62%) gelten Männer
als besonders privilegiert.

Wenig Identifikation mit dem Begriff Feminismus

Die Menschen sind sich der weiterhin bestehenden Ungleichheit
zwischen Mann und Frau also durchaus bewusst. Für eine deutliche
Mehrheit aller Befragten ist das Erreichen von mehr
Gleichberechtigung daher auch ein wichtiges persönliches Anliegen –
sowohl in Deutschland als auch global gesehen (je 65%). Dennoch würde
sich weltweit nur jeder Dritte (33%) als Feminist/in bezeichnen. In
der Bundesrepublik haftet dem Begriff Feminismus sogar ein noch
größeres Stigma an: Lediglich drei von zehn deutschen Frauen (28%)
definieren sich selbst als Feministinnen. Unter den Männern kann sich
hierzulande noch nicht einmal als jeder Fünfte (18%) mit diesem
Terminus identifizieren.

Rückläufiges Interesse am Thema Gleichstellung

Auffällig ist zudem, dass die Zustimmungswerte in Sachen
Gleichstellung im Vergleich zu den Vorjahren stark rückläufig sind.
Während 2018 noch drei Viertel der Deutschen (74%) angaben, dass die
Gleichberechtigung von Mann und Frau für sie persönlich wichtig ist,
taten dies ein Jahr später nur noch zwei Drittel der Befragten (65%).
Der Anteil an Personen, die sich selbst als Feminist/innen
bezeichnen, ist um insgesamt fünf Prozentpunkte gesunken (von 28% auf
23%).

Gleichzeitig steigt der Anteil derer, die der Überzeugung sind,
dass in Deutschland hinsichtlich der Gleichstellung von Männern und
Frauen bereits genug getan wurde. Mehr als vier von zehn Männern
(43%) stimmen dieser Aussage zu, ein Jahr zuvor lag dieser Wert noch
bei 34 Prozent. Deutsche Frauen sehen zwar deutlich mehr
Handlungsbedarf, doch auch unter ihnen steigt der Anteil derer, für
die das Thema Gleichstellung an Bedeutung verliert (Anstieg von 25%
auf 28%).

Ungleiche Bezahlung in Deutschland das größte
Gleichstellungsproblem

Nichtsdestotrotz vertreten viele Befragte die Ansicht, dass Frauen
auf dem Weg zur vollständigen Gleichberechtigung noch immer große
Hürden zu überwinden haben. In Deutschland wird vor allem die
ungleiche Entlohnung von Männern und Frauen kritisch gesehen: Jeder
dritte Bundesbürger (32%) bewertet dies als eines der
schwerwiegendsten Probleme, mit dem sich Frauen in der heutigen
Gesellschaft konfrontiert sehen. Sexuelle Belästigung rangiert bei
uns auf Platz zwei der wichtigsten Gleichstellungsthemen (17%),
gefolgt von sexueller Gewalt (15%) und dem Mangel an Frauen in
Führungspositionen (12%). Global gesehen wird vor allem den Themen
sexuelle Belästigung (30%), sexuelle Gewalt (27%) und körperliche
Gewalt (22%) eine große Bedeutung beigemessen.

Ruf nach gleichen Löhnen und strengeren Gesetzen

Gerechtere Löhne und strengere Gesetze zum Schutz vor Gewalt und
Belästigung werden daher besonders häufig genannt, wenn es um
mögliche Maßnahmen geht, die bei der Gleichstellung der Geschlechter
helfen könnten. Global gesehen wird die gleiche Entlohnung von
Männern und Frauen von 36 Prozent der Menschen als besonders wichtig
erachtet, vor allem in westlich geprägten Gesellschaften wie
Deutschland (44%). Weltweit sehen fast ebenso viele Befragte (35%)
strengere Gesetzgebungen zum Schutz von Frauen als zentrale Forderung
im Kampf um mehr Gleichberechtigung – in Deutschland stimmt dem nur
jeder Fünfte (20%) zu.

Gleichberechtigung kann nur mit der Hilfe der Männer erzielt
werden

Weitgehende Einigkeit herrscht darüber, dass Frauen keine
vollständige Gleichstellung erreichen werden, solange nicht auch die
Männer für Frauenrechte eintreten. Im globalen Durchschnitt stimmen
knapp zwei Drittel aller Befragten (65%) dieser Aussage zu, in
Deutschland immerhin sechs von zehn Personen (59%). Jeder zweite Mann
(50%) weltweit vertritt jedoch die Meinung, dass von Männern beim
Kampf um die Gleichstellung zu viel erwartet wird – bei uns sieht das
jeder dritte Mann (35%) und sogar jede vierte Frau (26%) so.

Dr. Robert Grimm, Leiter der Ipsos Sozial- und Politikforschung,
zu den Studienergebnissen: »Das Thema Gleichstellung polarisiert die
Deutschen weniger als angenommen und unser Land ist nach Einschätzung
der Bürger in vielerlei Hinsicht vergleichsweise fortschrittlich.
Trotzdem hat Deutschland weiterhin Bedarf an einer
Gleichstellungspolitik. Vor allem der Gender Pay Gap wird von vielen
Mitbürgerinnen nach wie vor als große Ungerechtigkeit wahrgenommen.
Die Meinung darüber, wie eine solche Politik umgesetzt werden kann,
wirft jedoch Fragen auf. In einer Sache sind sich die meisten
deutschen Frauen aber schon einig: Wirkliche Gleichstellung sollte
nicht allein über staatliche Dekrets von oben verordnet werden.
Nachhaltig zielführend ist dies nur, wenn auch die männlichen
Mitbürger kulturell umdenken. Letztlich wird Gleichstellung nicht
gegen, sondern zusammen mit den Männern erreicht.«

Pressekontakt:
Ipsos GmbH
Gudrun Witt | Communications
Sachsenstraße 6 | 20097 Hamburg
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