
Warum du den Begriff „unsere Demokratie“ ab sofort anders sehen wirst
Der Ausdruck klingt harmlos. Vertraut. Fast tröstlich. „Unsere Demokratie“. Wer wollte dagegen sein? Genau darin liegt das Problem.
Denn historisch ist dieser Begriff kein Zufallsprodukt, sondern ein politisches Werkzeug. In der DDR war „unsere Demokratie“ eine zentrale Legitimationsformel. Sie meinte nicht Demokratie als offenes Verfahren mit Konkurrenz, Kritik und Machtwechsel, sondern das Gegenteil: ein festgelegtes System, das sich selbst für alternativlos erklärte. Demokratie war dort kein Prozess, sondern ein Zustand: erreicht, abgeschlossen, definiert. Kritik galt nicht als demokrisches Recht, sondern als Angriff auf das Ganze. Wer widersprach, stellte sich automatisch außerhalb des legitimen Rahmens.
Genau diese Logik steckt im Begriff selbst. Das Wort „unsere“ grenzt ab. Es schafft ein Innen und ein Außen, ein „Wir“ und implizit ein „Ihr“. Es sagt nicht: Demokratie gehört allen, sondern: Diese Demokratie gehört denen, die sie richtig verstehen. Und wer definiert, was „richtig“ ist? Immer die, die gerade Macht ausüben. In dem Moment, in dem Demokratie possessiv wird, hört sie auf, neutral zu sein. Sie wird moralisiert.
Das ist der entscheidende Punkt: Demokratie braucht keine Eigentümer. Sie lebt vom Streit, vom Widerspruch, von der Zumutung, dass auch unbequeme Meinungen legitim sind. Sobald Demokratie sprachlich vereinnahmt wird, wird Kritik nicht mehr als Teil des Systems verstanden, sondern als Gefahr für das System. Genau so funktionierte es bei Erich Honecker und genau deshalb ist der Begriff historisch belastet.
Heute mag der Kontext ein anderer sein. Aber Sprache wirkt fort. Wer von „unserer Demokratie“ spricht, verschiebt unmerklich die Grenze: Weg von einer offenen Ordnung, hin zu einer normativen Deutungshoheit. Plötzlich geht es nicht mehr darum, ob etwas demokratisch ist, sondern wer dazugehört. Und das ist der erste Schritt jeder illiberalen Logik, egal aus welcher politischen Richtung.
Du wirst diesen Begriff ab jetzt anders hören. Nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als Warnsignal. Demokratie braucht keine Besitzanzeige. Sie braucht Regeln, Rechte und den Mut, Widerspruch auszuhalten. Alles andere ist keine Stärke. Es ist Unsicherheit, verpackt in ein freundliches Wort.
„Unsere Demokratie“ war eine Kampfvokabel der DDR
Was uns ein Zitat von DDR-Chef Erich Honecker über die Politiker von heute lehrt
_Text, Gestaltung und Bild: Ingo Wendelken (WerteUnion Bremen)_
Bildnachweis/Symbolische Illustration: Erich Honecker als Metapher für die Begrifflichkeit „Unsere Demokratie“ (KI-generierte Darstellung)
