Verlagspreis, die Expertise und die „Büchse der Pandora“

Foto: Smart & Nett
 

Reichlich Staub und Feedback gab es, obgleich noch gar keine Namen und Details genannt wurden. Smart & Nett möchten nun erneut Stellung beziehen, denn weder aus den Reihen des Bundesministeriums, der Jury noch aus denen der Partnerorganisationen des Deutschen Verlagspreises (Kurt Wolff Stiftung, Börsenverein des Deutschen Buchhandels) erfolgten entsprechende Rückfragen oder gar die erwarteten Offenlegungen.

Doch der Reihe nach:
Am 23. September informierte Smart & Nett die Presse quer durch Deutschland über gravierende Pannen beim Deutschen Verlagspreis und sauber recherchierte Verstrickungen der Jurymitglieder mit den Preisträgern https://smart-und-nett-verlag.de/deutscher-verlagspreis-stellungnahme-1/. Auch wenn der steuerzahlende Bürger sicher interessiert gewesen wäre: das Thema wurde totgeschwiegen. Das ist für das Ministerium, die Vorsitzenden der beteiligten “Partner” oder den Chefredakteur des Börsenblattes vielleicht auch die bessere Entscheidung. Zu eindeutig die Faktenlage.

Anders die Sozialen Medien: Hier fand die Pressemitteilung reichlich Echo. Ein bisschen kontrovers, doch eher auf Seiten der „ahnungslosen Verschwörer“, wie schließlich kein geringerer als der Chefredakteur des Deutschen Börsenblattes Smart & Nett betitelte. Leider hatte es Thorsten Casimir versäumt, ein wenig den Fakten nachzugehen, bevor er sich seinen Ärger von der Seele schrieb (https://www.boersenblatt.net/2019-10-01-artikel-verbessern_statt_verdaechtigen-zur_kritik_am_deutschen_verlagspreis.1735499.html). Nachdem sein Rundumschlag auch pauschal den Kleinverlag als solchen in Misskredit brachte, zog er sich gleich einen „hübschen Shitstorm“ zu. Doch das ist ein Nebenschauplatz. Eigentlich hätte er nur mal ein paar Minuten Google bemühen oder sich die nachfolgenden Informationen schicken lassen brauchen:

Hier exemplarisch ausgewählte Fakten zur Preisvergabe:
• Mindestens 5 von 7 Jurymitgliedern stehen in wirtschaftlichen Abhängigkeiten zu Preisträgern. Teils festangestellt in verantwortlicher Position, teils mit früheren und sogar aktuellen Werken (September 2019) als Autor oder Übersetzer. Allein 3 Jurymitglieder haben direkte Verbindungen zu EINEM preistragenden Verlag.
• Der Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e. V. (VdÜ), war mit der ersten Vorsitzenden und ihrem Vorgänger (aktuell im Vorstand für Politik- und Lobbyarbeit zuständig) in der Jury vertreten. Allein zu 6 verschiedenen Verlagen mit mindestens 13 teils aktuellen Werken besteht eine direkte Verbindung. Nimmt man Verbindungen des Vorstands mit hinzu, so erhöht sich die Zahl auf mindestens 27 Werke und 8 Verlage.
• Entgegen einer Stellungnahme der Behörde der Kulturbeauftragen, die da lautet „Weder am Bewerbungsverfahren noch an der Jurysitzung oder anderen mit der Preisvergabe in Zusammenhang stehenden Vorgängen sei die Kurt Wolff Stiftung (KWS) beteiligt gewesen“ ist nach kurzer Recherche im Netz zu finden:
1. Der leitende Verantwortliche für die Durchführung des Verlagspreises sitzt im Kuratorium der Kurt Wolff Stiftung.
2. Die Teilnahmebedingungen für den Verlagspreis sind fast identisch mit den Aufnahmebedingungen in die KWS.
3. Nur etwa 5-6 Prozent kleiner unabhängiger Verlage sind Mitglieder in der KWS. Der Anteil der Preisträger beträgt aber weit über 50 Prozent.
4. Alle 3 Vorstandsvorsitzenden der KWS gehören mit ihren Verlagen zu den Preisträgern.
• Die neue Vorsteherin des Börsenvereins ist Verlegerin des Verlag Hermann Schmidt, der ebenfalls zu den Preisträgern gehört.
• Das Bundesministerium gibt in einer Stellungnahme an den Buchreport bekannt, dass man sich selbst vorsätzlich nicht an die eigenen Teilnahmevoraussetzungen gehalten habe. Dies geschah, nachdem offenkundig war, dass einige Preisträger nicht hätten teilnehmen dürfen.
• Während des Bewerbungsverfahrens kam es zu gravierenden Datenschutzverstößen seitens des BKM, die aktuell vom Bundesdatenschutzbeauftragten untersucht werden. Eine Stellungnahme seitens des Ministeriums steht aktuell noch aus. Über 300 Verlage haben im Bewerbungsverfahren sensible Firmendaten preisgegeben.
• Keine der verantwortlichen Stellen war seit der Pressemitteilung vom 23. September zu einer Stellungnahme bereit. Fragen und Mails blieben ausnahmslos unbeantwortet.
Weitere Fakten und Quellennachweise gerne auf Anfrage.

Sowohl Thorsten Casimir als auch das Ministerium für Kultur und Medien verteidigen die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Juroren mit den Preisträgern mit der notwendigen Expertise. Offenbar fand sich kein Kundiger sonst für die Jury, der gleichzeitig unabhängig und versiert in Verlagsfragen sein Urteil hätte fällen können. Von der Agenda 21 gar nicht zu reden, sie bleibt nur schmückendes Beiwerk der Ausschreibung. Einhelliger Tenor der Besitzstandswahrer generell: Hauptsache das Ministerium hat ein Milliönchen für die Verlagsbranche locker gemacht.

Smart & Nett hätten sich klare und öffentliche Positionen der Verantwortlichen gewünscht. Aber vielleicht behält Thorsten Casimir recht: Die Ahnungslosen wissen einfach nicht, dass es ganz normal ist, dass in Berlin Steuergelder auf diese Weise in die Wirtschaft geleitet werden. Dass es nicht primär um die Erfüllung von Ausschreibungskriterien geht, sondern tatsächlich doch um die einflussreichsten Positionen der Lobbyisten. Danke, Smart & Nett wissen das jetzt! Alle anderen dürfen sich selbst ein Bild machen.

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