Wenn Debatten eskalieren: Was der „Rechthaberkreis“ über Führung, Leadership, Politik und Verantwortung verrät

Wenn Debatten eskalieren: Was der „Rechthaberkreis“ über Führung, Leadership, Politik und Verantwortung verrät
Sandra Weckert Portrait (© Sarah Eick)
 

Ein Leadership-Werkzeug zur Analyse eskalierender Kommunikation – und warum Demokratie mehr braucht als Rechthaben.

Wer in diesen Tagen politische Debatten in sozialen Netzwerken oder kommunalen Zusammenhängen verfolgt, erkennt ein vertrautes Bild: hohe Emotionen, harte Zuschreibungen, der schnelle Ruf nach „Willkür“, „Eliten“ oder „Demokratieabbau“.
Was dabei oft übersehen wird: Diese Eskalationen sind kein Zufall. Sie folgen einer klaren inneren Logik.

Auf den ersten Blick wirkt es wie Empörung. Auf den zweiten Blick zeigt sich ein wiederkehrendes Muster – eines, das für Führung, Leadership, Politik und Verantwortung hoch relevant ist.

Ich nenne dieses Muster den Rechthaberkreis.

Der Rechthaberkreis ist kein politisches Urteil, sondern ein Coaching- und Leadership-Werkzeug. Er beschreibt, wie Diskussionen eskalieren, wenn Rechthaben wichtiger wird als Verständigung. Und er erklärt, warum Kommunikation genau dort ihre konstruktive Kraft verliert, wo Führung fehlt.

Gerade in Mecklenburg-Vorpommern, wo politische Entscheidungen unmittelbare kommunale Verantwortung tragen, lässt sich dieses Muster derzeit besonders deutlich beobachten.

Phase 1: Der Behauptungspunkt – maximale Gewissheit, minimale Klärung

Der Einstieg in den Rechthaberkreis ist fast immer eine absolute Behauptung.
Sie ist emotional stark, moralisch aufgeladen – und verzichtet auf Differenzierung.

Typische Formulierungen lauten etwa:

„Dieses Vorgehen ist absolute Willkür und ungerecht.“

„Es gibt keinen sachlichen Grund.“

„Der Vorgang ist ausschließlich politisch motiviert.“

Solche Aussagen erzeugen sofort Resonanz, weil sie Sicherheit versprechen.
Sie lassen keinen Zweifel zu – und genau darin liegt ihre Attraktivität.

Für Führung und politische Verantwortung ist dieser Punkt heikel:
Denn Behauptungen ersetzen keine Klärung.
Sie markieren einen Standpunkt – sie sind kein Argument.

Phase 2: Zweifel- und Pattpunkt – Vergleiche statt Lösung

Wird die erste Behauptung hinterfragt, springt die Diskussion häufig in eine zweite Phase.
Nun geht es nicht mehr um den konkreten Sachverhalt, sondern um Vergleiche, Relativierungen und Ausweichbewegungen.

Typische Sätze sind:

„Unabhängig davon, was bemängelt wird – er wurde gewählt. Das ist Demokratie.“

„Dann müsste man ja konsequenterweise ganz andere Entscheidungen auch infrage stellen.“

Hier entsteht ein kommunikatives Patt. Die Diskussion dreht sich im Kreis, weil jede Klärung mit einem „Ja, aber…“ gekontert wird. Verantwortung verflüchtigt sich im Vergleich mit anderen Fällen, anderen Ebenen, anderen Akteuren.

Für Leadership ist das der Moment, in dem Orientierung verloren geht – nicht, weil es keine Argumente gäbe, sondern weil der Fokus verschoben wird.

Phase 3: Die Ein-Mann-Kaserne – Identität statt Argument

Am Ende des Rechthaberkreises steht fast immer eine Personalisierung.
Aus einer sachlichen Frage wird eine Identitätsfrage.

Typische Aussagen lauten dann:

„So denken und handeln die Eliten.“

„Selbstherrlich, über den Dingen stehend.“

„Das ist Machtmissbrauch.“

An diesem Punkt ist Verständigung kaum noch möglich. Die Diskussion hat sich von der Sache gelöst und ist zur Selbstvergewisserung gegen ein diffuses Gegenüber geworden. Der eigene Standpunkt wird zur Festung – zur Ein-Mann-Kaserne. Von dort aus wird nicht mehr gesprochen, sondern verteidigt.

Nicht selten beginnt das Spiel anschließend von vorne: Die nächste Behauptung folgt – und eine weitere Runde im Rechthaberkreis startet.

Für Führung und Leadership ist hier ein Punkt zentral:
Menschen, die im Rechthaberkreis verharren, wollen nicht gestalten.
Sie wollen nicht führen.
Sie wollen (und brauchen häufig) Aufmerksamkeit.

Viele Kolleginnen und Kollegen bezeichnen Aufmerksamkeit deshalb als die eigentliche Droge des 21. Jahrhunderts.

Warum das für Führung, Politik und Verantwortung entscheidend ist

Der Rechthaberkreis erklärt nicht, wer recht hat.
Er erklärt, warum Kommunikation kippt, wenn Führung ausbleibt.

In Politik und Verwaltung ist das besonders relevant. Demokratie lebt von Wahlen – gleichzeitig funktioniert sie durch klare Rollen, Verantwortlichkeiten und Verfahren. Parlamente entscheiden politisch, Verwaltungen handeln exekutiv, Rechtsaufsicht prüft rechtliche Maßstäbe.

Wenn diese Ebenen kommunikativ vermischt werden, entsteht Unsicherheit.
Und Unsicherheit ist der Nährboden für Eskalation.

Leadership bedeutet hier nicht, die lauteste Position zu vertreten, sondern den Kreis zu erkennen und bewusst zu verlassen:

* durch klare Zuständigkeiten
* durch transparente Maßstäbe
* durch Verantwortung für das System – nicht für das eigene Ego

Der Rechthaberkreis als Leadership-Werkzeug

In meinen Vorträgen und Keynotes zu Führung, Leadership, Politik und Verantwortung nutze ich den Rechthaberkreis, um genau diese Dynamiken sichtbar zu machen – in Organisationen, Verwaltungen, Bildungsprozessen und gesellschaftlichen Debatten.

Denn Rechthaben fühlt sich kurzfristig stark an.
Führung wirkt langfristig.

Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel, wachsender gesellschaftlicher Polarisierung und komplexen Entscheidungsprozessen braucht es Menschen, die nicht im Rechthaberkreis verharren, sondern Handlungsfähigkeit herstellen.

Demokratie hält Emotionen aus. Sie zerbricht jedoch dort, wo niemand mehr bereit ist, Verantwortung jenseits des eigenen Standpunkts zu übernehmen.

Der Rechthaberkreis steht auch als Werkzeug für Führungskräfte, Organisationen und politische Bildungsarbeit zur Verfügung.

Bei Interesse senden Sie bitte eine E-Mail mit dem Betreff „Rechthaberkreis“ an sandra@sandraweckert.de.

Über die Autorin

Sandra Weckert ist Leadership-Speakerin, Keynote-Rednerin, Beraterin und Kommunalpolitikerin aus Mecklenburg-Vorpommern.
In ihren Vorträgen und Workshops zu Führung, Leadership, Politik und Verantwortung arbeitet sie an der Schnittstelle von demokratischer Kultur, Kommunikation und organisationaler Führung. Ihr Fokus liegt auf Klarheit, Respekt und handlungsfähiger Verantwortung – in Politik, Verwaltung, Bildung und Gesellschaft.