Westdeutsche Zeitung: Manch ein Schüler wird ohne Leistungsanreiz scheitern – Sitzenbleiben nicht pauschal ausschließen Ein Kommentar von Anja Clemens-Smicek

Nicht versetzt. Wie ein Damoklesschwert hängt
dieses Unheil über ganzen Generationen von Schülern. Doch diese
Epoche könnte bald enden. Hamburg und Berlin haben das Sitzenbleiben
weitgehend abgeschafft, in etlichen Bundesländern gibt es
entsprechende Modellprojekte, und jetzt zieht auch die künftige
rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen nach. Aber ist die
pauschale Abschaffung der „Ehrenrunde“ wirklich der Weisheit letzter
Schluss? Gerade bei diesem Thema ist reine Schwarz-Weiß-Malerei fehl
am Platze.

Fraglos gibt es für die Abschaffung einige nachvollziehbare
Gründe. Dafür spricht zum Beispiel der verringerte psychologische
Druck, das Ende der „sozialen Stigmatisierung“, auch und vor allem
für die Familien. Zudem kostet Sitzenbleiben den Steuerzahler jede
Menge Geld – eine Milliarde Euro pro Jahr, so hat es der
Bildungsforscher Klaus Klemm einmal errechnet. Hinzu kommt wohl eine
weitere Milliarde, die die Eltern für Nachhilfeunterricht aufbringen.

Wie so oft muss jetzt das Pisa-Vorzeigeland Finnland herhalten, wo
es kein Sitzenbleiben gibt. Gerne wird aber verschwiegen, dass dort
der Unterricht ein völlig anderer ist und den Schwachen ein ganzes
Heer von Lehrern, Sozialarbeitern und anderen Experten zur Seite
gestellt wird. Die individuelle Förderung dort lässt sich nicht
einfach auf deutsche Verhältnisse übertragen.

Die Lösung ist eine sensible Herangehensweise. Schon heute wird
zum Beispiel an den Schulen der Sekundarstufe I in NRW die
Nichtversetzung sehr behutsam angewandt. Viele Schüler werden auch
ohne Versetzung, gemeinsam mit dem Klassenverband, in die
nächsthöhere Klasse mitgenommen. Dort können sie die Versetzung
sozusagen nachholen.

Aber wir müssen uns auch eingestehen, dass viele Schüler ohne
diesen letzten Leistungsanreiz vollständig aus der (Schullauf-)Bahn
geworfen würden. Eine Klassenwiederholung ist eine Niederlage, aus
der ein Mensch für sein späteres Leben lernen kann. Schule bereitet
nicht aufs Leben vor, wenn sie ein kuschelpädagogisches Refugium ist,
sondern wenn sie Anreize zur Leistung schafft. Und wen es tröstet:
Auch Persönlichkeiten wie Thomas Mann, Albert Einstein oder Richard
Wagner hat eine „Ehrenrunde“ nicht geschadet.

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