Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zu „Katholische Kliniken weisen Vergewaltigte ab“

Die Nachricht verschlägt einem die Sprache. Zwei
katholische Krankenhäuser verweigern einem Vergewaltigungsopfer die
Hilfe, weil sie nicht über die »Pille danach« aufklären wollen. Sie
setzen ihre Grundsätze über die Bedürfnisse der Frau. Die katholische
Kirche muss sich nach diesem Vorfall nicht wundern, wenn sich
Menschen von ihr abwenden. Man mag sich nicht (und kann es auch
nicht) in die Situation der Frau hineinversetzen. Sie befindet sich
in einer Notlage, in der wohl schlimmsten, die einer Frau widerfahren
kann. Sie braucht Hilfe. Schnell. Unbürokratisch. Unideologisch. In
diesem Moment geht es um nichts anderes als ihr Wohl und ihre
Bedürfnisse. Wenn sie die Pille danach einnehmen möchte, dann soll
sie es auch können. Zumindest in diesem Moment sollte sie und nur sie
darüber entscheiden können, was mit ihr passiert. Abtreibungsgegner
sehen das natürlich anders. Doch es war offenbar ein anderes Motiv,
das die Ärzte in den beiden Krankenhäusern davon abhielt, der Frau zu
helfen: die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Die Ärzte
befanden sich in einer tragischen Situation: Einerseits sind sie
ihrem Arbeitgeber und dessen Vorschriften verpflichtet. Andererseits
müssen sie sich bestmöglich um das Wohl ihres Patienten bemühen.
Hätten sie das Gespräch über die »Pille danach« verweigert, weil sie
die Verschreibung nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, hätte
man ihre Entscheidung vielleicht noch nachvollziehen können. Welche
Beweggründe auch immer vorlagen: Die Ärzte hätten die Frau sofort in
ein anderes Krankenhaus verlegen müssen. Dorthin, wo ihr jede Hilfe,
die sie möchte, zuteil wird – inklusive der »Pille danach«. Auch das
taten sie nicht. Es ist unbarmherzig, Opfern von Vergewaltigung nicht
die Hilfe zukommen zu lassen, die sie wünschen. Es drängt sich der
Eindruck auf, dass Glaubensgrundsätze und nicht menschliche
Bedürfnisse im Vordergrund standen, selbst wenn es sich, wie das
Erzbistum Köln sagt, um einen »bedauerlichen Einzelfall« handelt.
Immer weniger Menschen wollen Priester werden, immer mehr treten aus
der Kirche aus. Viele fühlen sich in ihrer Lebenswirklichkeit nicht
mehr von der Kirche angenommen, gerade was die Haltung zur Sexualität
betrifft. Die katholische Kirche kann und sollte ein Zuhause für
viele Menschen sein, ein Ort, an dem sie ihren Glauben erleben, an
dem sie Gemeinschaft erfahren und Nächstenliebe ausüben. Die
Entscheidung einer Frau, die sich in einer Notlage befindet, gilt es
zu respektieren – selbst wenn ein ethisches Dilemma vorliegt.
Eigenverantwortung ist ein Ausdruck von Menschenwürde – unabhängig
davon, ob eine Frau sich für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch
entscheidet. Dass ein Instrument des Arbeitsrechs, nämlich die
Androhung einer fristlosen Kündigung, eingesetzt wird, ist der Gipfel
einer ohnehin schon traurigen Geschichte.

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Andreas Kolesch
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