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Westfalen-Blatt: zum Mindestlohn

Na also, die Wirtschaft steht doch noch. Sie ist
nach der Einführung des Mindestlohns nicht zusammengebrochen. Also
gibt es auch nichts zu ändern, schlussfolgern Arbeitsministerin
Andrea Nahles und die Gewerkschaften genau 100 Tage nach
Inkrafttreten des Gesetzes. So wenig aber Rom an einem Tag erbaut
wurde, so wenig bricht die deutsche Wirtschaft in ganz kurzer Zeit
zusammen. Das ist aber gar nicht die Frage. Vielmehr geht es darum,
möglichst vielen Menschen zu einem Arbeitsplatz und Einkommen zu
verhelfen. Dabei kann ein durch Hilfen aus dem Sozialetat
aufgebesserter geringer Lohn besser sein als gar kein Einkommen. Alle
reden vom demographischen Wandel und fehlenden Fachkräften. Sie
vergessen, dass nicht jeder zum Ingenieur geboren ist. Es ist
wohlfeil, einen gerechten Lohn auch für diejenigen zu verlangen, die
am Arbeitsmarkt nicht so gesucht sind. Diese Forderung wird
allerdings unglaubwürdig, wenn die gleichen Personen, die die »arme
Verkäuferin«, den »armen Kellner« und die »arme Friseurin« bedauern,
aus Kostengründen immer seltener ins Restaurant gehen, im Internet
einkaufen und ihre Haare nur noch vom Discount-Friseur schneiden
lassen. In der Taxibranche ist schon jetzt feststellbar, dass
Unternehmer insbesondere in der Nacht und auf dem Land das
Fahrangebot reduzieren. Andere Veränderungen vollziehen sich
weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wenn eine Kneipe
schließt, gibt das in der Regel keine Schlagzeilen in der Zeitung.
Dabei gehen auch in diesem Fall Arbeitsplätze verloren. Wohlfeil ist
es auch, den Einwand der Wirte, Handwerker und Kleinunternehmer, der
Mindestlohn sei mit zu viel Zeitaufwand verbunden, lächerlich zu
machen. Wohlfeil – und weltfremd. Das Leben, auch das Arbeitsleben,
ist vielschichtiger, als es zwischen zwei Aktendeckel passt.
Natürlich macht es erst mal keinen großen Aufwand, Beginn und Ende
der Arbeitszeit zu notieren. Doch wann ist »Ende«? Wenn der Barkeeper
noch mit dem letzten Gast ein Schwätzchen hält, kann das auch damit
zusammenhängen, dass er genau wegen der Art von Gesprächen den Beruf
ergriffen hat. Das ist nur ein Beispiel. Bevor ein Unternehmer den
Betrieb wegen des Mindestlohns schließt, wird er versuchen, die
Arbeit zu verdichten: »Wenn du mehr Geld bekommst, musst du in der
gleichen Zeit mehr leisten.« Ob der Stresszuwachs nach dem Geschmack
und Wunsch der Beschäftigten ist, spielt in den Überlegungen der
Mindestlohn-Befürworter keine Rolle. Für so manche Politiker,
Gewerkschafter und Beamte ist es offenbar auch unvorstellbar, dass
jemand eine Aversion gegen zu viel Bürokratie entwickeln kann. So
können sie Einwände der Wirtschaft leicht abtun. Sie werden ihre
Arbeitsplätze nicht verlieren, wenn dem Unternehmer über so viel
Überwachung und Papierkram der Kragen platzt und er seinen Betrieb
schließt.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

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