Leitartikel: Die Ausschreitungen sind kein Grund, die Anliegen der GenZ-Proteste zu negieren

Leitartikel: Die Ausschreitungen sind kein Grund, die Anliegen der GenZ-Proteste zu negieren
 

Das Positive zuerst: Zigtausende, vor allem junge, Menschen, haben am Samstag friedlich demonstriert. Sie haben gegen den Sparkurs bei Bildung, Sozialem, Kultur und Gesundheit protestiert, steigende Lebenshaltungskosten angeprangert, Sorge vor staatlicher Überwachung bekundet und die Wehrpflicht abgelehnt. (…)

In Berichten und politischen Reaktionen wurde zwischen friedlichen Demos und den Gewaltaktionen, die teilweise folgten, wenigstens ansatzweise unterschieden. Selbst Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) markierte zwar die Verursacher von Plünderungen und Angriffen auf die Polizei nach seinem gewohnten Muster („gewaltbereite linke Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu“). Aber selbst er sprach von „friedlichen Demonstrationen“, die von diesen Gruppen „gekapert“ worden seien.

Schaut man genauer hin, ist es mit den positiven Nachrichten aber schnell vorbei. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann etwa gab sich zwar „traurig, dass friedlicher Protest teilweise kaum mehr möglich sei“. Aber: „Ein wirklich inhaltliches Ziel der Demonstrationen blieb bis zuletzt fraglich – für einige war das der perfekte Deckmantel für Gewalt und Ausschreitungen.“ Das ist die höhere Kunst der Diskreditierung: Die friedlich Demonstrierenden haben den „Deckmantel“ für Gewalt selbst geschaffen. (…) Hessens Ministerpräsident Boris Rhein, ebenfalls CDU, hält sich mit inhaltlichen Fragen erst gar nicht auf. Er sagt: „Wer sich so verhält wie die Angreifer in der Frankfurter Innenstadt, stellt sich außerhalb unserer Gesellschaft.“ Das allerdings könnte ein gewaltiger Irrtum sein: Die jungen Menschen, die man im Fernsehen mit Steinen auf Schaufensterscheiben losgehen sieht, sind sehr wohl Teil der Gesellschaft.

Nicht dass ihr Verhalten zu rechtfertigen wäre, es ist ja nicht nur kriminell, sondern stellt auch eine Steilvorlage für alle dar, die sich mit den Zielen von „GenZ regelt“ nicht beschäftigen wollen. Aber die Aggressionen entspringen nicht einfach nur schlechten Charaktereigenschaften oder verqueren Vorstellungen von revolutionärem Aktivismus. (…)

Es ist gut, dass die Demonstrationen weitergehen sollen. Je größer sie werden, desto schwerer ist, ihre Motive umzuinterpretieren. (…) Die Jungen werden also noch viel zu tun haben, um nicht ideologisch vereinnahmt zu werden. Und nichts spricht dagegen, dass die Älteren ihnen dabei helfen.

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