Mittelstand in der Entscheidungsfalle: Warum starke Geschäftsführer zum Engpass werden können

Mittelstand in der Entscheidungsfalle: Warum starke Geschäftsführer zum Engpass werden können
Rolf Dindorf, Unternehmensberater Führung & Entscheidungsfähigkeit
 

Kaiserslautern – Viele mittelständische Unternehmen gelten als erfolgreich geführt, weil Entscheidungen schnell und zentral getroffen werden. Doch genau darin liegt häufig ein unterschätztes Risiko. Wenn nahezu jede wichtige Entscheidung beim Geschäftsführer landet, entsteht nicht automatisch Stärke – sondern oft ein struktureller Engpass.
Darauf weist Rolf Dindorf, Unternehmensberater für Führung und Entscheidungsfähigkeit in Mittelstand und Verwaltung, hin. Aus seiner Sicht geraten viele Unternehmen zunehmend in eine gefährliche Abhängigkeit von einzelnen Personen.
„Was nach Kontrolle aussieht, ist häufig bereits ein Verlust an organisationaler Handlungsfähigkeit“, erklärt Dindorf. „Wenn Führungskräfte Entscheidungen absichern müssen, statt sie eigenständig zu tragen, entsteht ein System permanenter Rückversicherung.“
Besonders sichtbar werde dieses Problem bei der Besetzung von Führungspositionen. Laut Daten des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) können sich nur wenige Beschäftigte ohne Führungsverantwortung konkret vorstellen, selbst eine Führungsrolle zu übernehmen. Als Gründe werden hohe Belastung, Verantwortung und mangelnde Vereinbarkeit mit dem Privatleben genannt.
Für Dindorf liegt die Ursache jedoch nicht allein in Arbeitsdichte oder Fachkräftemangel. Entscheidend sei häufig die Führungsstruktur selbst.
„Viele Führungskräfte besitzen zwar Titel und Aufgaben, aber kein echtes Mandat“, so Dindorf. „Dann entsteht Führung ohne tatsächliche Geltung. Entscheidungen bleiben abhängig vom finalen Signal der Geschäftsführung.“
Besonders kritisch bewertet der Unternehmensberater sogenannte Loyalitätsfallen. In vielen Unternehmen werde Loyalität mit Zustimmung verwechselt. Kritik werde zurückgehalten, Entscheidungen wanderten automatisch nach oben und Bereichsleiter sicherten sich zunehmend ab.
„Der Geschäftsführer wird nicht zum Nadelöhr, weil er schwach ist“, erklärt Dindorf. „Sondern weil alle gelernt haben, dass am Ende doch seine Einschätzung zählt.“
In seiner Beratungspraxis beobachtet Dindorf immer wieder, dass Kontrolle und Steuerung verwechselt werden. Bereits beiläufige Aussagen der Geschäftsführung könnten Entscheidungen ungewollt wieder infrage stellen und Unsicherheit in Teams erzeugen.
Zur Analyse solcher Strukturen nutzt Dindorf das von ihm entwickelte GILT-Prinzip. Dabei werden vier zentrale Fragen geprüft:
• Gilt eine Entscheidung auch ohne ständige Rückversicherung?
• Wer darf praktisch wirklich entscheiden?
• Wer trägt die Folgen?
• Bleiben Entscheidungen unter Druck stabil?
Nach Auffassung des Kaiserslauterer Beraters wird Führung im Mittelstand erst dann wieder attraktiver, wenn Verantwortung tatsächlich mit Entscheidungsspielraum verbunden ist.
„Menschen übernehmen Verantwortung eher dort, wo Entscheidungen nicht beim ersten Widerstand wieder eingesammelt werden“, sagt Dindorf. „Unternehmen brauchen deshalb nicht mehr Abstimmung – sondern mehr Klarheit darüber, was wirklich gilt.“
Gerade vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel, Nachfolgeproblemen und wachsender Veränderungsdynamik werde Entscheidungsfähigkeit zunehmend zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor für mittelständische Unternehmen.