Sprunghafter Anstieg der SII-Bedeckungsquoten bei deutschen Lebensversicherern

Die überschlägige Analyse der Solvency-II-Bedeckungsquoten der untersuchten Lebensversicherer1 zeigt einen substanziellen Anstieg der durchschnittlichen SCR-Bedeckung. Diese dürfte im Mittel von rund 295 Prozent zum Jahresende 2024 auf etwa 375 bis 385 Prozent Ende 2025 gestiegen sein. Nur einige wenige Unternehmen entwickeln sich gegen den Branchentrend.

Ursachenanalyse: Rückgang der SCR als zentraler Treiber
Die Bedeckungsquote ergibt sich als Verhältnis der anrechenbaren Eigenmittel zu den Solvenzkapitalanforderungen (SCR). Der beobachtete Anstieg der Bedeckungsquote ist dabei primär durch einen deutlichen Rückgang der Kapitalanforderungen zu erklären (-17 Prozent). Der Zuwachs der verfügbaren Eigenmittel um etwa 7 Prozent trägt zwar ebenfalls bei, ist jedoch von nachgeordneter Bedeutung.

Als dominanter Einflussfaktor ist der Zinsanstieg im Jahr 2025 zu nennen. Die risikofreie Zinsstrukturkurve lag zum Jahresende – je nach Laufzeit – um etwa 50 bis 90 Basispunkte über dem Niveau des Vorjahres. Höhere Zinsen wirken im Rahmen von Solvency II in der Regel reduzierend auf das Spread , Langlebigkeits- und Kostenrisiko. Die Auswirkungen auf das Stornorisiko sind dagegen uneinheitlich und stark abhängig von Produktmix, Garantieniveau und Kundenstruktur.

„Die reine Zinswirkung allein reicht jedoch nicht aus, um die Größenordnung des Kapitalanstiegs vollständig zu erklären“, so Rejman. „Die zum Jahresende 2024 veröffentlichten Sensitivitätsanalysen lassen einen solchen Effekt nur teilweise erwarten. Als weitere Ursachen sehe ich daher die Risikominderungsmaßnahmen – etwa Rückversicherung – oder Veränderungen in der Risikomodellierung der Versicherer.“

Strategische Implikationen: mehr Spielraum – mit Einschränkungen
Die spürbare Verbesserung der Solvenzposition erweitert den strategischen Handlungsspielraum der Lebensversicherer, zumindest aus regulatorischer Sicht. Theoretisch eröffnen höhere Solvenzpolster die Möglichkeit, die Kapitalanlage stärker auf Assets mit höherem Renditepotenzial und leicht erhöhtem Risiko auszurichten.

Praktisch wird dieser Spielraum jedoch durch stille Lasten in den Kapitalanlagen begrenzt. Infolge des Zinsanstiegs liegen die Marktwerte vieler festverzinslicher Wertpapiere – insbesondere aus älteren Beständen – unter ihren Buchwerten. Eine aktive Umschichtung würde daher häufig mit der Realisierung dieser stillen Lasten einhergehen, was sowohl bilanziell als auch aus Solvency II Sicht unerwünscht sein kann. „Entsprechend sollten Asset-Liability-Management-Überlegungen bei den Unternehmen verstärkt in den Fokus rücken“, sagt Clara Busch, Director bei der WTW Versicherungsberatung.

Neugeschäft erlaubt strategische Anpassungen
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Neugeschäft, insbesondere das Einmalbeitragsgeschäft, an Bedeutung: Die Anlage neu zufließender Mittel erlaubt eine schrittweise Veränderung der Asset-Allokation, ohne bestehende Portfolien auflösen und stille Lasten realisieren zu müssen. Neugeschäft fungiert damit als zentraler Hebel, um die deutlich verbesserte Kapitalausstattung langfristig auch in eine strukturell optimierte Anlage- und Ertragsposition zu überführen.

Rejman: „Inwieweit das aktuell hohe Solvenzniveau der Lebensversicherer nachhaltig ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Wir gehen weiterhin von volatilen Entwicklungen infolge makroökonomischer Unsicherheiten aus.“ Zudem tritt im kommenden Jahr die Überarbeitung des Solvency-II-Regelwerks in Kraft. Weitere Bewegungen der Solvenzpositionen der Unternehmen seien vor diesem Hintergrund wahrscheinlich.

1 Untersucht wurden ca. 82 Prozent des Marktes basierend auf den versicherungstechnischen Rückstellungen.