Vaterschaft ist politisch – wie Erziehung unsere Zukunft retten kann

Vaterschaft ist politisch – wie Erziehung unsere Zukunft retten kann
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Bad Berka, März 2026. Väter kommen zu spät. Das ist die ehrlichste Zusammenfassung dessen, was Carsten Vonnoh, Deutschlands bekanntester Vätercoach, seit 10 Jahren in seiner Arbeit beobachtet. Sie kommen in die Beratung, wenn die Beziehung bereits bedroht ist. Sie kommen in die Elternbildung, wenn die Kinder schon im Schulalter sind. Und in die politische Debatte kommen sie als eigenständige Zielgruppe kaum.

„Ich erlebe täglich Männer, die beschreiben, dass sie als Kinder nie wirklich gesehen wurden, die massive Gewalt und Vernachlässigung erlebt haben, ohne das bisher wirklich präsent gehabt zu haben. Männer, die gelernt haben, dass Stärke bedeutet, nichts zu brauchen. Und Männer, die massive Angst davor haben, erneut beschämt zu werden und nicht gut genug zu sein. Diese oft unbewusste Erfahrung formt, wie sie ihre eigenen Kinder begleiten, was sie ihnen weitergeben und wie sie Partnerschaft leben“, sagt Vonnoh.

Was das gesellschaftlich bedeutet, belegt der Kinderarzt Herbert Renz-Polster in „Demokratie braucht Erziehung“ (2025): Die Landkarten des Rechtspopulismus sind deckungsgleich mit den Karten kindlicher Not. Wer in frühen Jahren keine verlässliche Anerkennung, keine Zugehörigkeit und kein Erleben von Wirksamkeit erfahren hat, ist als Erwachsener anfälliger für Botschaften, die genau das versprechen, durch Feindbilder statt durch echte Verbindung.

Die Entwicklungsforschung belegt seit Jahren, was in der Präventionspolitik kaum aufgegriffen wird: Väter sind eigenständige Bindungspersonen mit einem nachweislichen, eigenständigen Einfluss auf die kindliche Entwicklung. Ihr Beitrag lässt sich nicht allein durch mütterliche Bindungsqualität ersetzen. Gerade für Selbstregulation, soziale Kompetenz und das Erleben von Wirksamkeit spielen väterliche Präsenz und emotionale Verfügbarkeit eine bedeutsame Rolle. Besonders wenn wir so oft über „gesunde Vorbilder sprechen“.

Gleichzeitig fehlen väterspezifische Angebote in der institutionellen Prävention fast überall. Kommunen investieren in Familienzentren und Elternbildung, sprechen damit aber hauptsächlich Mütter an. Männer, die als Väter gefordert sind, stehen mit dieser Anforderung häufig allein. „Wir fordern von Männern, emotional präsente Väter zu sein, und lassen sie dabei strukturell im Stich“, sagt Vonnoh, ohne zu vergessen, dass Männer „ganz klar auch eigene Verantwortung haben, sich ihren Herausforderungen bewusster zu stellen“.

Was Kommunen, Unternehmen und Hochschulen konkret ändern könnten: Väterarbeit als eigenständiges Handlungsfeld begreifen, mit eigenen Formaten und eigener Sprache statt als „Anhängsel der Mütterberatung“. Väterzeit & Väterbildung im Unternehmen als essentielle Investition betrachten, nicht als Sahnehäubchen. Und in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte die emotionale Komplexität von Männern und Jungen endlich systematisch berücksichtigen.

Was Vonnoh unter bewusster Vaterschaft versteht, ist keine neues Schlagwort, sondern eine Haltung: die Bereitschaft, die eigene Geschichte anzuschauen und aufzuhören, Muster unreflektiert weiterzugeben. „Was wir Kindern in den ersten Jahren nicht geben, wird später um ein Vielfaches teurer. Menschlich wie gesellschaftlich. Väter sind ein Teil dieser Rechnung, den wir nicht länger ignorieren können.“

Service: Carsten Vonnoh ist als Referent und Keynote-Speaker buchbar. Die Vaterherz® Akademie bietet offene Vortragsimpulse für Väter und Weiterbildungsformate für Fachkräfte. www.vaterherz.de | www.carstenvonnoh.de