Westfalen-Blatt: zum Jobabbau in der Textilbranche

Wie passt das zusammen? Einerseits geht die Zahl
der Arbeitslosen in Deutschland seit Jahren zurück. Auch aktuell sind
mehr Leute in Beschäftigung als vor einem Jahr. Unternehmen und sogar
ganze Branchen klagen über Fachkräftemangel. Doch dazwischen mischen
sich Nachrichten, dass Stellen wegfallen und Beschäftigte entlassen
werden. Sehr augenfällig ist der Jobabbau in der Modebranche. Doch es
gibt ihn auch anderswo – auch bei großen Namen in OWL wie Miele,
Diebold Nixdorf und Nagel. Einige stehen im Zusammenhang mit
Insolvenzen: Schuhpark, Frommholz, Wellemöbel… Wie immer empfiehlt
es sich auch hier, zu differenzieren und Ursachen sehr genau unter
die Lupe zu nehmen. Meist fällt der Blick zuerst auf
Management-Fehler – nicht bedenkend, dass sich der Verzicht auf
Jobabbau später auch als Management-Fehler herausstellen kann. Das
gilt zumal in Zeiten, in denen die Digitalisierung im Verbund mit
Globalisierung kompletten Geschäftsmodellen den Boden entzieht.
Gerade wurde die Serie von Hiobsbotschaften aus der
Bekleidungsbranche wieder länger, weil Seidensticker 120
betriebsbedingte Kündigungen angekündigt hat. Demgegenüber ist Gerry
Weber nach Escada und Schiesser, deren Insolvenzen nur einige Jahre
zurückliegen, der gravierendste Fall des Absturzes einer Marke, die
einst Leuchtturm-Charakter besaß. In Herford versucht Ahlers, durch
Aufgabe der Marke Jupiter und Jobabbau der Krise Herr zu werden.
Außerhalb von OWL liefert der Marktführer für Herrenbekleidung, die
Boss AG, wieder bessere Zahlen. Das Heil für die ebenfalls kriselnde
Tom Taylor AG soll ein neuer Mehrheitseigentümer bringen. Vor einer
noch größeren Herausforderung als die Produzenten stehen die
mittelständischen Modehäuser. Wenn sie schließen, erfährt davon in
der Regel nur die lokale Öffentlichkeit. Aber auch Handelsketten, auf
den ersten Blick beim Ausbau des E-Commerce-Angebots im Vorteil, sind
nicht immun, wie die Insolvenz von AWG gerade erst in Erinnerung
rief. Grundsätzlich könnte es einem Produzenten egal sein, ob er
seine Ware in einem Modehaus oder online verkauft. Und sicher hätte
Seidensticker noch eine Weile über die Ausgliederung der Logistik
nachgedacht, wäre da nicht der Verlust der Masterlizenz für Camel
active hinzu gekommen. Alles zusammen plus die fortschreitende
Digitalisierung der Geschäftsprozesse führten dazu, dass die Logistik
geschlossen wird – eine Entscheidung, die Familienunternehmen
grundsätzlich besonders schwer fällt. Zu wünschen wäre es, wenn
möglichst viele, die ihre Jobs verlieren, von Firmen aufgefangen
würden, die sich über Fachkräftemangel beklagen. Voraussetzung dafür
ist aber, dass die Betroffenen mehr und früher Angebote zur
Umschulung und Weiterbildung erhalten.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Dominik Rose
Telefon: 0521 585-261
d.rose@westfalen-blatt.de

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