
Anonyme Arbeitgeberbewertungen stoßen bei Unternehmen immer wieder auf Kritik. Bewerbende dagegen halten sie mehrheitlich für wichtig. So lautet das Ergebnis einer aktuellen wissenschaftlichen Studie für den deutschen Arbeitsmarkt, die ein interdisziplinäres Forschungsteam der Wirtschaftsuniversität Wien, des IMC Krems und der Universität Amsterdam initiiert hat. Für die repräsentative Untersuchung wurden bundesweit 2.076 Menschen befragt, die sich in den vergangenen zwölf Monaten in einem Bewerbungsprozess befanden. Demnach finden es 67% der Bewerbenden wichtig, dass Bewertende auf Portalen wie kununu oder anderen Arbeitgeberbewertungsplattformen anonym bleiben. Das wichtigste Argument aus Kandidatensicht: Anonymität macht ehrliche Erfahrungsberichte über Arbeitgeber überhaupt erst möglich. 77% derjenigen, die Anonymität wichtig finden, sind überzeugt, dass sich Bewertende erst dadurch trauen, ihren Arbeitgeber zu bewerten. Fast ebenso viele (76%) finden, dass der Verzicht auf die Identität des Nutzenden dafür sorgt, dass in Bewertungen wirklich Klartext gesprochen wird.
Anonymer Schutzraum bedeutet nicht den Verzicht auf Regeln
Gleichzeitig zeigen die Studienergebnisse, dass Bewerbende anonyme Arbeitgeberbewertungen nicht als regelfreien Raum verstehen. Vielmehr erwarten sie klare Grenzen für das, was auf Bewertungsportalen veröffentlicht werden darf. So finden 69% der Befragten wichtig, dass weder Schmähkritik noch Beleidigungen möglich sind. Ebenfalls 69% legen zudem Wert darauf, dass keine persönlichen Informationen über Führungskräfte, Kolleg*innen oder andere Mitarbeitende in Bewertungen veröffentlicht werden dürfen. Zugleich betonen 70%, dass Arbeitgeber Inhalte von Bewertungen aus ihrer Sicht nicht beeinflussen dürfen. „Die Analyse zeigt: Anonymität wird von Arbeitgeberseite häufig kritisch gesehen. Unsere Ergebnisse zeigen aber deutlich, dass sie aus Sicht von Bewerbenden eine Voraussetzung für offenes Feedback ist. Sie erwarten, dass Bewertungen ehrlich und unverstellt sind. Genau dafür braucht es anonyme Schutzräume. Gleichzeitig zeigen die Daten aber auch, dass Bewerbende sich klare Regeln gegen Beleidigungen, persönliche Bloßstellungen und Einflussnahme durch Arbeitgeber wünschen. Die Akzeptanz anonymer Bewertungen hängt also eng mit der wahrgenommenen Fairness und Verlässlichkeit der Plattformen zusammen“, erklärt Dr. Marco Rapp von der Universität Amsterdam.
Bewertungsportale sind wichtigste neutrale Quelle der Arbeitgeberrecherche
Wie relevant diese Einschätzungen für den Bewerbungsprozess sind, zeigt der Blick auf die allgemeine Nutzung von Arbeitgeberbewertungsportalen. 42% der Bewerbenden nutzen Plattformen wie kununu immer oder häufig, um sich über Arbeitgeber zu informieren. Insgesamt geben 71% der Bewerbenden an, Arbeitgeberbewertungsportale im Rahmen ihrer Jobsuche zu nutzen. Damit liegen Arbeitgeberbewertungen in der Jobsuche nur hinter der jeweiligen Unternehmenswebsite, die von 52% immer oder häufig genutzt wird. Gleichzeitig sind Bewertungsportale die meistgenutzte neutrale Quelle der Arbeitgeberrecherche. Es folgen der Austausch im Bekanntenkreis (39%), Social Media (29%), Medienberichte (24%) sowie KI-Tools wie ChatGPT oder Claude (20%). Auch die Wege, über die Bewerbende zu Arbeitgeberbewertungen gelangen, sind vielfältig. Am häufigsten kommen sie über Suchmaschinen wie Google zu den entsprechenden Inhalten. Dies geben 49% der Befragten an. 38% klicken direkt auf Portale wie kununu. 22% gelangen über Verlinkungen in Stellenanzeigen zu Bewertungen und 16% stoßen im Rahmen ihrer Jobsuche mit KI-Tools auf Arbeitgeberbewertungen.
Bewertungen begleiten den gesamten Bewerbungsprozess
Ein wesentlicher Grund für die starke Rolle von Bewertungen liegt in ihrer Glaubwürdigkeit. Fast die Hälfte der Bewerbenden (48%) hält Arbeitgeberbewertungen für glaubwürdig. Nur 11% schätzen sie als unglaubwürdig ein. Damit zählen Bewertungen zu den glaubwürdigsten Quellen der Jobsuche. Höher liegt lediglich das Vertrauen in persönliche Erfahrungsberichte aus dem eigenen Bekannten- oder Familienkreis, die von 65% der Befragten als glaubwürdig eingestuft werden. Dazu passt, dass Bewerbende Arbeitgeberbewertungsportale in unterschiedlichen Phasen ihrer Jobsuche nutzen oder nutzen würden. 60% nennen die laufende Jobsuche als Anlass. 59% ziehen Bewertungen vor dem ersten Vorstellungsgespräch heran. 56% nutzen sie zur generellen Arbeitgeberrecherche, ebenso viele bereits vor der eigentlichen Jobsuche. Auch in einer späten Phase des Bewerbungsprozesses bleiben Bewertungen relevant: 51% geben an, sie zu nutzen, nachdem ein Jobangebot vorliegt. „Arbeitgeberbewertungen sind längst nicht mehr nur ein zusätzlicher Blick auf ein Unternehmen. Sie begleiten Bewerberinnen und Bewerber über nahezu den gesamten Entscheidungsprozess hinweg – von der ersten Orientierung bis zur finalen Bewertung eines Jobangebots“, sagt Prof. Dr. Markus Latzke vom IMC Krems. „Ihre besondere Stärke liegt darin, dass sie Erfahrungswissen sichtbar machen. Gerade dieses Erfahrungswissen ist für viele Bewerbende besonders wertvoll, weil es die offizielle Arbeitgeberkommunikation ergänzt und überprüfbar macht.“
Arbeitszeit, Arbeitsort und Gehalt besonders relevant
Dabei interessieren sich Bewerbende vor allem für konkrete Arbeitsbedingungen. Bei der Frage, welche Kriterien für die Entscheidung relevant sind, im Bewerbungsprozess zu verbleiben, nennen jeweils 48% die Arbeitszeit und den Arbeitsort als sehr relevant. Es folgen Gehalt, Beschäftigungssicherheit und Kollegenzusammenhalt mit jeweils 45%. Damit stehen vor allem Themen im Vordergrund, die den späteren Arbeitsalltag unmittelbar prägen. Andere Kriterien werden deutlich seltener als sehr relevant eingestuft. Das Umweltbewusstsein eines Arbeitgebers nennen nur 14% der Befragten, Vielfalt und Diversity 15%. Benefits sind für 21% sehr relevant.
Über die Studie
Für die repräsentative Online-Umfrage „Arbeitgeberbewertungen im Bewerbungsprozess“ befragte ein interdisziplinäres Wissenschaftsteam im Mai 2026 insgesamt 2.076 Bewerber*innen in Deutschland. Alle Teilnehmenden befanden sich in den vergangenen zwölf Monaten in mindestens einem Bewerbungsprozess. Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 44,5 Jahren. Die Stichprobe setzte sich zu gleichen Teilen aus Männern und Frauen zusammen. Zudem wurden heterogene Bildungsklassen abgebildet: 33% der Befragten verfügten über ein niedriges, 34% über ein mittleres und 34% über ein höheres Bildungsniveau. Im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Untersuchung stand die Rolle von Arbeitgeberbewertungen im Bewerbungsprozess. Zum Forschungsteam gehören Prof. Dr. Wolfgang Mayrhofer von der Wirtschaftsuniversität Wien, Prof. Dr. Markus Latzke von der IMC Hochschule für Angewandte Wissenschaften Krems und Dr. Marco Rapp von der Universität Amsterdam.
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