Brain Drain in Europa: Die unterschätzte Auswanderung

Brain Drain in Europa: Die unterschätzte Auswanderung
 

In der öffentlichen Debatte kursiert für Deutschland eine jährliche Nettoauswanderung von rund 80.000 Personen. Eine neue Analyse von DataPulse Research auf Basis eines Eurostat-Datensatzes zeigt: Tatsächlich verließen netto 91.067 in Deutschland geborene Menschen das Land im Jahr 2024, ein Anstieg von 47 % gegenüber 2019. Seit 2005 summiert sich der Verlust auf über eine Million Menschen, das ist mehr als die Einwohnerzahl Kölns.

Auffällig an der jüngsten Entwicklung ist vor allem der Einbruch bei den Rückkehrern: Ihre Zahl sank von 66.460 (2019) auf 49.488 (2024), also um 26 %.

Deutschland steht mit dieser Entwicklung nicht allein. DataPulse Research hat die Aus- und Rückwanderung nach Geburtsort in 19 europäischen Ländern ausgewertet, und in 17 davon verlassen mehr Menschen das Land, als zurückkehren.

Vier Befunde stechen besonders heraus:

– Italien: zweitgrößter absoluter Verlust nach Deutschland, netto -64.917 und ein um 80 % höherer Verlust als 2019
– Schweden: die größte Überraschung im Datensatz, Verdreifachung von -4.073 (2019) auf -12.898 (2024), 46 % der Auswanderer sind Kinder unter 15 Jahren
– Bulgarien und Litauen sind die einzigen zwei Länder der Auswertung, die ihren Brain Drain umgekehrt haben
– Deutschland und die Schweiz sind die größten Zielländer innerhalb Europas; außerhalb Europas führen die USA, gefolgt von Kanada und dem Vereinigten Königreich.

Die Gründe für eine Auswanderung sind meist vielfältig und individuell. Treiber sind unter anderem höhere Bruttogehälter, Steuerlast, Karrierechancen, Wohnkosten, Sprache und Lebensqualität.

Was die Abwanderung kostet, was in Europa bleibt

Die Studie schätzt den jährlichen Steuerausfall durch Abwanderung auf 1,1 bis 2,1 Milliarden Euro, kumuliert 11 bis 21 Milliarden Euro über ein Jahrzehnt. Dieser Verlust wird durch Zuzug aus der EU nur teilweise ausgeglichen: Deutschland war 2023 zwar der größte Nettoempfänger innereuropäischer Arbeitsmigration, doch dieser Ausgleich ist partiell und schrumpft. 2024 kippte der EU-Binnensaldo bereits ins Negative.

Wichtig ist auch der kontinentale Befund: Rund 84 % der in Deutschland geborenen Auswanderer bleiben in Europa, nur etwa 16 % verlassen den Kontinent. Was auf nationaler Ebene als Verlust zählt, ist mit Blick auf den ganzen Kontinent vor allem eine Umverteilung von Humankapital.

Die vollständige Studie mit interaktivem Länder-Explorer und Methodik ist unter https://www.datapulse.de/brain-drain-eu (http://datapulse.de/brain-drain-eu) verfügbar.

Über die Studie

Die Brain-Drain-Studie 2026 wertet Migrationsdaten von 19 europäischen Ländern aus. Datenquellen: Eurostat (Wanderungen zum Geburtsort und zur Staatsbürgerschaft), OECD Taxing Wages 2025, Destatis und BiB/GERPS-Panel. Neun EU-Staaten (u. a. Frankreich, Polen, Portugal, Dänemark) sind nicht enthalten, weil sie keine geburtsortsbasierten Auswanderungsdaten erfassen. Die vollständige Methodik ist in der Studie dokumentiert.

Über DataPulse Research

DataPulse Research ist ein unabhängiges Datenstudio mit Fokus auf Datenjournalismus und datengetriebene Visualisierungen. Wir machen komplexe Zusammenhänge verständlich und setzen Zahlen in einen klaren Kontext. Unsere Studien erscheinen regelmäßig in Medien wie Zeit, FAZ, Tagesschau, Welt, Focus, Bild, Statista und Wikipedia.

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