
Aktuelle Daten zeigen: Die emotionale Bindung deutscher Beschäftigter an ihre Arbeitgeber bleibt niedrig. Eine psychologische Erklärung dafür könnte erstaunlich einfach sein: Menschen wechseln nicht unbedingt, weil das Gehen attraktiv ist. Sie gehen, wenn das Bleiben unangenehmer geworden ist als die Angst vor dem Wechsel.
Hohe Mitarbeiterfluktuation wird gerne mit Fachkräftemangel, Generationenwandel oder mangelnder Bindungsbereitschaft erklärt. Doch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen seit Jahren einen Zusammenhang zwischen Arbeitszufriedenheit, emotionaler Bindung und Wechselabsichten.
Doch warum kündigen Menschen überhaupt?
Eigentlich spricht psychologisch einiges dagegen. Menschen gewöhnen sich an ihr Arbeitsumfeld. Sie kennen Aufgaben, Kollegen und Führungskräfte. Ein Arbeitgeberwechsel bedeutet dagegen Unsicherheit: Ist der neue Job wirklich besser? Werden Versprechen eingehalten? Wie sind die neuen Kollegen? Und was passiert, wenn die Probezeit nicht erfolgreich endet?
Trotzdem verlassen Menschen Unternehmen. Warum?
Wenn das negative Gefühl beim Bleiben überwiegt
Der Wirtschaftswissenschaftler und Hochschuldozent Dr. Achim Pothmann sieht darin einen einfachen psychologischen Wirkungsmechanismus:
„Menschen gehen, wenn das negative Gefühl beim Bleiben größer wird als das negative Gefühl beim Gehen.“
Wer dauerhaft unzufrieden mit dem ist, was er bei seiner Arbeit erlebt, bekommt und erfährt, baut einen entsprechenden Leidensdruck auf. Schlechte Führung, mangelnde Wertschätzung, Konflikte, fehlendes Vertrauen oder eine belastende Unternehmenskultur können dazu beitragen.
Irgendwann kippt die innere Abwägung: Die Unsicherheit des Neuen erscheint weniger belastend als die Sicherheit des Bekannten.
Die Forschung stützt zumindest die grundsätzliche Richtung dieses Zusammenhangs: Metaanalysen zeigen, dass höhere Arbeitszufriedenheit und stärkere organisationale Bindung mit geringeren Wechselabsichten verbunden sind.
Eine hohe Fluktuation ist also auch ein Warnsignal für die Qualität der Arbeitserfahrung im eigenen Unternehmen.
Natürlich kündigen Menschen auch aus Karrieregründen, wegen eines Umzugs oder aus anderen persönlichen Motiven. Wenn jedoch überproportional viele Beschäftigte ein Unternehmen verlassen, sollte die entscheidende Frage lauten: Was erleben unsere Mitarbeitenden bei uns, das sie nicht länger erleben wollen?
Denn Mitarbeiterbindung entsteht nicht dadurch, dass Menschen Angst vor dem Gehen haben. Sie entsteht, wenn sie gerne bleiben. Wenn sie Jobglück erleben.
Die unbequeme Schlussfolgerung: Wenn Mitarbeitende trotz Gewohnheit und Veränderungsangst scharenweise gehen, hat ein Unternehmen offensichtlich nicht ausreichend dafür gesorgt, dass sie bleiben wollen.
So gesehen ist hohe Fluktuation nicht nur ein Problem des Arbeitsmarktes. Sie ist möglicherweise auch eine Botschaft derjenigen, die gegangen sind: Sie waren zu unglücklich mit dem, was sie in ihrem Ex- Unternehmen bekommen und erfahren haben!
