Laufende Entnahmen im Ruhestand: Wie Vermögen regelmäßige Ausgaben langfristig finanzieren kann

Laufende Entnahmen im Ruhestand: Wie Vermögen regelmäßige Ausgaben langfristig finanzieren kann
Haimo Wassmer, Finanz-Analytiker bei Wassmer Wealth Management aus Nettetal und Experte für Financial Planning
 

Der Übergang vom Vermögensaufbau zur Entnahmephase wird häufig unterschätzt. Während in der Ansparzeit regelmäßige Einzahlungen Schwankungen abfedern können, wirken Auszahlungen im Ruhestand unmittelbar auf die Substanz. Jede Entnahme reduziert den Kapitalstock, der künftige Erträge erwirtschaften soll. Dadurch erhält die Reihenfolge von Marktbewegungen eine besondere Bedeutung. Wenn schwache Börsenjahre früh in der Entnahmephase auftreten und gleichzeitig laufende Ausgaben finanziert werden müssen, kann sich die Tragfähigkeit eines Vermögensplans deutlich verschlechtern.

In der Finanzanalyse wird dieser Zusammenhang als sogenanntes Sequenzrisiko bezeichnet. Gemeint ist das Risiko, dass ungünstige Renditen zu Beginn der Entnahmephase stärker wirken als spätere Verluste, weil Entnahmen aus einem bereits gesunkenen Vermögen erfolgen. Auch wenn sich die Märkte später erholen, nimmt das Portfolio nur noch mit einer kleineren Kapitalbasis daran teil. Für Ruhestandsplanung ist dieser Mechanismus zentral, weil ein langfristiger Durchschnittsertrag wenig darüber aussagt, ob ein Vermögen laufende Ausgaben in schwierigen Anfangsjahren tragen kann.

„Viele Entnahmepläne wirken stabil, solange man mit geglätteten Durchschnittswerten rechnet“, sagt Haimo H. Wassmer, Finanz-Analytiker und Inhaber von Wassmer Wealth Management. „In der Praxis entscheidet jedoch, wann schwache Jahre auftreten und aus welchen Vermögensteilen laufende Ausgaben dann finanziert werden. Genau dort trennt sich eine einfache Depotrechnung von einer belastbaren Ruhestandsplanung.“ Der Finanz-Analytiker aus Nettetal entwickelt für solche Konstellationen strukturierte Modelle im Financial Planning, die Versorgung, Fairness und individuelle Gestaltungswünsche in Einklang bringen (mehr Informationen unter: www.wwm.finance).

Eine tragfähige Entnahmestrategie beginnt mit der Ermittlung des tatsächlichen Netto-Bedarfs. Entscheidend ist nicht, welcher Betrag rechnerisch aus dem Depot entnommen werden kann, sondern welcher Betrag nach Steuern und Kosten verfügbar bleibt. Bei vermögenden Privatkunden und Unternehmern können die steuerlichen Wirkungen je nach Vermögensquelle stark variieren. Entnahmen aus Wertpapierdepots, Mieteinnahmen, Ausschüttungen, Rentenansprüchen oder Verkaufserlösen führen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Ohne diese Nettobetrachtung besteht die Gefahr, dass die Tragfähigkeit überschätzt wird.

Auf dieser Grundlage muss festgelegt werden, welche Vermögensbausteine die laufenden Ausgaben tragen. Kurzfristig benötigte Mittel sollten nicht von stark schwankenden Anlagen abhängig sein. Zugleich kann ein Ruhestandsplan über Jahrzehnte kaum allein aus sehr defensiven Bausteinen finanziert werden, weil Inflation die Kaufkraft schrittweise vermindert. Die Aufgabe besteht darin, Liquidität für absehbare Entnahmen bereitzustellen und zugleich einen Kapitalstock zu erhalten, der langfristig Erträge erwirtschaften kann. Diese Balance lässt sich nur herstellen, wenn Entnahmen, Reserven und Anlageaufteilung aufeinander abgestimmt werden. „Entnahmeplanung heißt für mich, Zahlungsströme so zu organisieren, dass Mandanten nicht in ungünstigen Marktphasen verkaufen müssen“, erklärt Wassmer. „Wer laufende Ausgaben aus passenden Bausteinen finanziert, verschafft dem langfristig investierten Kapital Zeit. Diese Zeit kann für die Erholung nach schwachen Marktphasen entscheidend sein.“

Besonders anspruchsvoll wird die Planung, wenn neben dem Wertpapiervermögen weitere Vermögensquellen vorhanden sind. Unternehmer verfügen häufig über Immobilien, Beteiligungen, betriebliche Liquidität oder erwartete Verkaufserlöse. Ärzte und Freiberufler haben oft Versorgungswerksansprüche, Praxiswerte oder private Kapitalanlagen. Diese Vielfalt eröffnet Gestaltungsmöglichkeiten, verlangt aber eine genaue Abstimmung. Ein Praxisverkauf kann etwa einen erheblichen Betrag freisetzen, sein Zeitpunkt und sein Erlös sind jedoch nicht immer sicher. Immobilien können Erträge liefern, binden aber Kapital und verursachen Instandhaltungskosten. Versorgungsansprüche stabilisieren die Planung, müssen jedoch mit Steuerlast und Lebenshaltungskosten abgeglichen werden.

Eine professionelle Entnahmestrategie arbeitet daher mit Szenarien. Sie prüft, wie lange das Vermögen bei unterschiedlichen Entnahmehöhen trägt, welche Wirkung Inflation entfaltet und wie sich schwache Marktphasen auf die Finanzierung auswirken. Daraus entstehen Regeln für Anpassungen. Entnahmen können innerhalb definierter Korridore gesteuert werden, ohne dass der Lebensstandard jährlich neu disponiert werden muss. Auch die Frage, wann ein Portfolio angepasst oder wieder in seine Zielstruktur gebracht wird, gehört in diese Planung. Rebalancing ist in der Entnahmephase kein technisches Detail, sondern ein Instrument zur Kontrolle von Risiko und Verfügbarkeit.

„Eine gute Entnahmestrategie muss schwache Jahre aushalten können“, sagt Wassmer. „Sie darf nicht darauf angewiesen sein, dass Märkte genau dann steigen, wenn Liquidität benötigt wird. Planung schafft hier keine Gewissheit, aber sie reduziert vermeidbare Fehler.“ Für vermögende Privatkunden und Unternehmer bedeutet dies, dass der Ruhestand nicht allein über eine Vermögenssumme geplant werden sollte. Entscheidend ist die Fähigkeit des Vermögens, über viele Jahre verlässliche Nettozahlungen zu ermöglichen. Wassmer Wealth Management entwickelt dafür individuelle Finanzmodelle, die laufende Ausgaben, Vermögensstruktur, Risikosteuerung und steuerliche Wirkungen verbinden. Eine solche Planung macht sichtbar, welche Entnahmen tragfähig sind und wie das Vermögen seine Aufgabe über einen langen Ruhestand erfüllen kann.