
Hitzewellen, Trockenheit und sinkende Pegelstände an Bodensee, Rhein und Donau erhöhen den Druck auf die Wasserressourcen in Deutschland. Für Städte und Kommunen wird damit eine Frage immer dringlicher: Wie lässt sich die Wasserversorgung auch in langen Dürreperioden sichern?
Mit den Folgen von Wasserknappheit befasst sich Dr. Stephan Wasielewski seit mehr als einem Jahrzehnt in Forschung und Praxis. Der an der Universität Stuttgart promovierte Umwelttechniker leitet heute den Bereich Wasserinfrastruktur beim auf Bau, Immobilien und Infrastruktur spezialisierten Beratungsunternehmen Drees & Sommer SE. Zuvor wirkte er am Masterplan Wasserversorgung Baden-Württemberg mit. „Grundsätzlich verfügen wir in Deutschland über genug Wasser. Doch immer häufiger kommt es zur falschen Zeit am falschen Ort an. Auf lange Trockenphasen folgen Starkregen, die Böden und Kanalisationen kaum aufnehmen können. Schon längst ist die Wasserversorgung eine zentrale Infrastruktur- und Standortfrage geworden“, sagt der Wasserexperte.
Nach Einschätzung von Drees & Sommer kommt es jetzt darauf an, Wasser länger im Kreislauf zu halten, Verluste zu reduzieren und vorhandene Ressourcen besser zu nutzen:
1. Regenwasser dort halten, wo es fällt
Vielerorts wird Regenwasser noch immer möglichst schnell abgeleitet. In Zeiten zunehmender Trockenheit wird das zum Problem. Versickerungsflächen, Gründächer, Mulden-Rigolen-Systeme oder Zisternen sorgen dafür, dass Niederschläge im Boden bleiben und die Grundwasservorräte stärken. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt ein Projekt von Drees & Sommer in Berlin-Lichtenberg: Im Auftrag des Straßen- und Grünflächenamts identifizierte das Unternehmen 24 von 90 Schulstandorten, die künftig vom Kanalnetz abgekoppelt werden. Auf rund 135.000 Quadratmetern versiegelter Fläche, gut 19 Fußballfeldern, entstehen Grün- und Versickerungsflächen sowie Mulden und Rigolen, damit Regenwasser vor Ort bleibt, statt ungenutzt in die Kanalisation zu fließen.
2. Wasserverluste im Leitungsnetz reduzieren
Nicht nur Trockenheit kostet Wasser. Auch marode Leitungen tragen dazu bei, dass wertvolle Trinkwasserressourcen verloren gehen: Bundesweit gehen jährlich rund 319 Millionen Kubikmeter Trinkwasser durch undichte Leitungen verloren. Das entspricht dem Jahresbedarf von knapp sieben Millionen Menschen. Digitale Leckageortung, engmaschiges Monitoring und die Sanierung alter Netze helfen Kommunen, die Verluste deutlich zu senken. Die Stadtwerke Bad Homburg etwa kooperieren seit 2023 mit dem Frankfurter Start-up Preventio, das mithilfe künstlicher Intelligenz Rohrschäden frühzeitig vorhersagt, noch bevor größere Lecks und Wasserverluste entstehen.
3. Wasser mehrfach nutzen
Nicht jede Anwendung benötigt Trinkwasserqualität. Regenwasser, Grau- und Brauchwasser lassen sich beispielsweise zur Bewässerung von Grünflächen, für Toilettenspülungen oder technische Anlagen nutzen. Dadurch sinkt der Bedarf an hochwertigem Trinkwasser. „Wir müssen das sorglose System aus Entnahme, Verbrauch und Ableitung hinter uns lassen. Zukunftsfähige Regionen werden diejenigen sein, die Wasser mehrfach nutzen und in Kreisläufen halten. Das wird auch für die Industrie zur entscheidenden Standortfrage“, sagt Wasielewski. Für die Alzchem Group in Trostberg untersucht Drees & Sommer beispielsweise, wie sich Brauchwasser aus der zentralen Abwasserbehandlung wiederaufbereiten und mehrfach im Betrieb nutzen lässt, um den Frischwasserverbrauch des Chemieunternehmens zu senken.
4. Wasserentnahmen transparenter steuern
Wenn Wasser knapper wird, nehmen Nutzungskonflikte zu. Landwirtschaft, Industrie, Energieversorgung und Kommunen greifen auf dieselben Ressourcen zu. Oft wissen alle Beteiligten nicht, wer wann wie viel entnimmt. Digitale Wasserbücher schaffen Transparenz über Entnahmerechte, Schutzgebiete und tatsächliche Wasserentnahmen. Rheinland-Pfalz etwa führt sein Wasserbuch bereits seit 2004 vollständig digital, andere Bundesländer arbeiten noch daran. Kommunen und Wasserbehörden, die auf solche Daten in Echtzeit zugreifen können, erkennen Engpässe frühzeitig und können gezielt reagieren, statt pauschal für alle Nutzergruppen zu sperren.
5. Städte entsiegeln und begrünen
Asphalt- und Betonflächen verhindern, dass Wasser versickern kann. Wo Flächen entsiegelt, Bäume gepflanzt und Grünanlagen klimaangepasst gestaltet werden, bleibt mehr Wasser im Boden. Gleichzeitig sinken die Temperaturen in dicht bebauten Quartieren. Ein Beispiel dafür entstand 2025 auf dem Potsdamer Telegrafenberg: Im Auftrag des GFZ Helmholtz-Zentrums für Geoforschung entwickelte Drees & Sommer ein Landschaftskonzept für das 27 Hektar große Gelände, dessen Baumbestand bereits zu 78 Prozent durch Hitze und Trockenheit geschädigt ist. Vorgesehen sind unter anderem klimaangepasste Neupflanzungen, die deutlich weniger Wasser benötigen als der bisherige, teils über hundert Jahre alte Baumbestand, und so den Wasserhaushalt des Campus langfristig stabilisieren sollen.
Auch Privathaushalte können Wasser sparen
Regentonnen, Zisternen oder wassersparende Armaturen können helfen, den Trinkwasserverbrauch zu senken. Entscheidend für die Versorgungssicherheit sind jedoch vor allem Investitionen in Leitungsnetze, Regenwassermanagement und die Wiederverwendung von Wasser. Dort liegen die größten Einsparpotenziale. „Die Frage ist nicht, ob Wasser zum Standortfaktor wird. Das ist es bereits. Entscheidend ist, wie früh Städte und Kommunen darauf reagieren“, sagt Wasielewski.
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